Viel zu
spät breche ich auf am Donnerstag Nachmittag, jetzt darf nichts mehr
schiefgehen, sonst schaffe ich es vor Sonnenuntergang nicht bis ins Dorf
Omtala. Die anderen sind schon vorgefahren im Geländewagen. Die Straßen sind
jetzt nach der Regenzeit ausgewaschen und von tiefen Rinnen durchzogen. Vorankommen
ist oft nur im Schrittempo möglich. Ich fahre lieber mit dem Motorrad, da kann
ich die Luft, Gerüche und Landschaft genießen. Ein bisschen aufgeregt bin ich,
so alleine auf weiter Flur – man trifft höchstens einmal pro Stunde jemanden –
und ich bin nicht sicher über meinen selbstgezeichneten Plan in der Tasche.
Geradeaus, nach dem Dorf Saenlath rechts, dann zwei Mal links, rechts und
wieder links. Es sind ca. 40 km bis Omtala.
Die
Feldwege sind sich alle sehr ähnlich und je nach Jahreszeit schaut die
Landschaft rundherum ein bisschen anders aus. Was vor ein paar Monaten
erbrannte Erde war sind jetzt gelbe Reisfelder kurz vor der Ernte. Ich versuche
die Schilder zu entziffern, aber mein Lao ist schlecht. „Jo“ kann ich lesen und
mir fällt kein anderes Dorf außer „Dapkajok“ (wo ich vorbei muss) ein, das
diesen Buchstaben im Namen hat. Also, links. Nach einer Weile bin ich nicht
mehr sicher. Noch eine Abzweigung. Links. Ich komme zu einer Kaserne, hier war
ich sicher noch nie. Wieder zurück. Mein Hinterrad bricht aus und wackelt
komisch, jetzt ist auch noch der Reifen geplatzt auf dem steilen Stück den Berg
hinauf. Weiterfahren...weiterfahren...bis ins vorige Dorf und dort wen finden
zum Reifenflicken; das kann ich selber nicht. Heute gelernt: Weiterfahren ohne
Luft geht.
Reifen
repariert aber jetzt sind es nur mehr zwanzig Minuten bis zum Sonnenuntergang.
Ich schaffe es gerade noch bis Dapkajok bei Einbruch der Dunkelheit. Das ist
zwar nicht wo ich hin muss, aber da ist das Haus von Sengkeos Familie. Sengkeo
arbeitet mit mir und ist schon in Omtala (da wo ich hin muss). Aber wo letztes
Mal ihr Haus stand, ist eine leere Stelle und Betonreste von einem Haus. Ich
klopfe an beim provisorischen Bambuswandhaus dahinter – tatsächlich ist ihre
Familie da drinnen. Was ist passiert? Die Mutter war krank und das schon
mehrere Jahre, sie waren schon in drei Krankenhäusern, aber sie wird nicht
gesund, da können nur die Geister schuld sein. Also wurde das Haus abgerissen
und ein neues wird (irgendwann, wenn genug Geld zusammen ist) gebaut. Jetzt hat
die Familie kein Geld mehr, nicht einmal die Schwammerlzucht, die sie vor
kurzem begonnen haben, kann weiter bewirtschaftet werden.
Ich
entscheide, nicht mit den drei betrunkenen Polizisten, die noch am Abend nach
Omtala aufbrechen, mitzufahren sondern bei Sengkeos Familie zu übernachten. Am
nächsten Tag als ich die steile steinige Pist runterrolle bin ich echt froh
darüber. Ohne ein gerades Paar Schnapsgläser komm ich aber nicht davon
(ungerade Zahl trinken bringt Unglück!!!), also schlafe ich gut. Sengkeos
Familie kennt meinen Vorgänger und ist an Ausländer, die kein Fleisch essen,
gewohnt. Sengkeos Vater ist ein erfahrener Mann – die chinesische Teefirma, die
ihrem Dorf den Grüntee abkauft, hat er schon i China besucht. Während sie hier
im Dorf 150.000 kip (trocken) pro Kilo bekommen, verkauft die Firma den selben
Tee um 1.2 Mio. pro kg in China. Super Gewinnspanne für eine Tag Fahrt. Gibt es
keine Möglichkeit, besser zu verhandeln? Kann die Landwirtschaftssektion in
Khua helfen? Leider nein, die kommen nur zum Essen und Schnaps Trinken, sagt
er. Und macht ein Zeichen von Geldscheinen, die in Taschen verschwinden. Früher,
meint er, hätte man von Dapkajok nach Khua drei Tage gebraucht. Zwei
Übernachtungen und zweieinhalb Tage Fußmarsch. Ich kann es mir vorstellen und
plötzlich kommt es er gar nicht mehr lang vor, mein Weg trotz unerwarteter
Unterbrechung.
Früh am Morgen breche ich auf, diesmal biege ich richtig ab und
komme bald in Omtala an. Das Dorf liegt wunderschön auf einem Hügelrücken. Eigentlich
sind es drei Dörfer, die vor ein paar Jahren hierher zusammengelegt worden
sind. Die Leute wollten das nicht und sie verstehen sich nicht untereinander.
Sie haben von meiner Organisation einen Dorf-Fonds bekommen, Geld, von dem sie
entscheiden konnten, was sie machen wollen. Sie haben Kardamomsetzlinge gekauft
und beschlossen, 20% der Summe in Cash beizutragen, um damit Geld zu sammeln
für den Notfall. Das Geld sollte von der Frauengruppe verwaltet werden, aber
ein paar Familien haben ihren Beitrag noch nicht bezahlt, und deswegen haben
sie das Notfallgeld noch nicht genutzt. Wir diskutieren, was wir dem Dorf noch
an Trainings anbieten können, bevor das Projekt in acht Monaten schließt.
Es sind
weniger Frauen da als Männer, aber immerhin, sie sagen sogar laut, was sie
wollen. Vor ein paar Monaten sind Frauen nicht einmal zu den Treffen gekommen angeblich.
Sie wollen eine Straße zu den Feldern, das haben wir leider nicht. Training zu
Gesundheit während der Schwangerschaft wollen die Frauen, eine von ihnen sagt,
dass heuer ihr Kind gestorben ist kurz nach der Geburt. Immer wieder bin ich
erstaunt, wie offen über schwere Schicksalsschläge geredet wird. Immerhin
können wir mit dem Wunsch weiterhelfen.
Nächster
Stopp ist Ban Kongvat. Wir parken vor einem Haus und ich erfahre, dass hier die
Eltern von Boualai wohnen, die seit ein paar Monaten freiwillig bei uns
arbeitet und auch mitgekommen ist. Boualais Großmutter ist angeblich über
hundert. Sie schaut so aus, ganz klein zusammengekrümmt und runzelig, aber sie
bewegt sich erstaunlich wendig die steile Holzleiter hinauf in den ersten
Stock. Dafür verrichtet sie ihr Geschäft im Freien direkt neben dem Haus und
isst am Boden neben dem Feuer. Es gelten andere Regeln hier für alte Leute. Wie
sie hundert sein kann, wenn der Vater erst 50 ist, kann ich nicht herausfinden,
aber vielleicht sind ein paar Jahrzehnte auf oder ab nicht so wichtig. Boualais
älterer Bruder ist heuer bei einem Autounfall umgekommen. Chinesisches Auto.
Nur die und die Thais fahren so schnell, lerne ich. Sie waren im Krankenhaus in
Khua, dann in Udom Xay und schließlich in Vietnam, aber es konnte nichts
gemacht werden. Kein Wunder, in
diesem Krankenhaus in Khua können sie vielleicht Abschürfungen und Brüche
feststellen, aber eine Hirnblutung wäre sogar in Vientiane unheilbar. Krank
sein und verletzt ist das größte Risiko hier.
Das meinen
auch die Mitglieder der Spargruppe, zu deren Jahresabschlusstreffen wir
gekommen sind. Geld zu haben, falls man es braucht, um ins Krankenhaus zu
gehen, ist der wichtigste Grund zu sparen für die meisten Mitglieder. Sie haben
vor einem Jahr begonnen und sind zwar noch nicht ganz selbständig was die
Buchführung anbelangt, aber den Sinn des Sparens haben sie kennengelernt und
vor allem die Frauen sind stolz, was sie in einem Jahr angespart haben. Jetzt
haben sie sich – je nach Sparleistung des Einzelnen – zwischen 10 und 80 EUR
auf einmal ausbezahlt. Geld, das sonst leicht für Süßigkeiten für Kinder
ausgegeben worden wäre oder vom Ehemann für Zigaretten. Wir sollen möglichst
schnell wieder kommen um Jahr 2 des Vereins zu eröfnen. Sie sind einverstanden,
das nächste Jahr nur in der Frauengruppe zu sparen. Ich freu mich so – es war
ein langer Weg bis dahin und auch wenn alles Mögliche nicht nach Plan verlaufen
ist, bin ich extrem froh zu sehen, dass wir Dinge tun die wichtig sind für Leute und gemeinsam
lernen, wie es geht. Ich bin erledigt – Hitze, Staub Motorradfahren,
Gruppentreffen, auf den Berg zum Reisfeld gehen, draußen unter Sternen duschen
– und bleib nicht mehr bei den anderen zum Schnapstrinken sitzen.
Schon
wieder hab ich den falschen Weg eingeschlagen. Eine halbe Stunde nach den
anderen, die nach mir weggefahren sind, komm ich an. Dafür hatte ich eine halbe
Stunde alleine mit der Natur, auch gut, wenn die Tage und Nächte so mit anderen
Menschen bevölkert sind. Im Dorf gibt es kein Alleinesein. Ich hab dauernd das
Gefühl ich werde beobachtet. Am falschen Weg bin auch bei einem Hügelrücken mit
leeren Erdstellen vorbeigekommen – da wird bald ein anderes Dorf hingesiedelt.
Wie freiwillig ist das?
Das Mädchen
„Garten“: Angekommen in Ban Kading, mein Lieblingsdorf. Hier war ich schon oft
und kenn viele Leute. Es ist Mittagshitze und alle sind am Feld arbeiten. Wir
müssen bis zum Abend warten bis zum Treffen. Die anderen schlafen schon aber ich
hab keine Lust und geh lieber eine
Runde durchs Dorf. Ich schließe mich einer Frau an, die gerade mit ihrer
kleinen Tochter aufs Feld geht. Sie überrascht mich: „Schwester, ich hab dich letzte
Woche im Fernsehen gesehen“. Ich will schon protestieren, dass nicht alle
Ausländer gleich ich sind, als sie meint, der Beitrag wäre im Dorf Saen Lath gewesen.
Da fallt es mir wieder ein: Beim letzten Besuch des Geldgebers war ein
Kamerateam dabei. Sie hat tatsächlich mich im Fernsehen gesehen!
Angekommen
beim Feld mach ich eine tolle Entdeckung: Suans Familie hat so ein typisches
Reisfeldhäuschen, aber mit offenen Wänden und einer Hängematte! Viel besser als
diese dunklen verrauchten Räume sonst, richtiger Luxus. Wir spazieren durch den
schulterhohen Reis und suchen Gurken und Kürbisse, die zwischen den
Reispflanzen reif sind. Ich sammle feuerrote Chillis, die in der Sonne glänzen
als wären sie aus Plastik und meine Augen brennen. Meine Begleiterin heißt suan,
„Garten“, wie passend zu diesem sonnigen Tag und den wunderschönen Blumen, die
zwischen den Reispflanzen hervorscheinen. Sie macht sich Sorgen weil sie kein
viertes Kind will aber von der Verhütungsimpfung Schwindel, Kopfweh und
Blutungen bekommt. Wahscheinlich besser, sich im Krankenhaus untersuchen zu
lassen, obwohl sehr überzeugt bin ich nicht, dass die da irgendetwas
herausfinden könnten.
Vor ein
paar Monaten ist die Frau des Bürgermeisters an Gebärmutterkrebs gestorben. Im
Endstadium war sie mehrere Male im Krankenhaus und sie haben es nicht erkannt.
Suans Kinder sind alle im Krankenhaus geboren, sehr ungewöhnlich. Suan ist
überzeugt von Voruntersuchungen und ärztlicher Versorgung. Sie ist in der
Minderheit, aber vielleicht kann sie andere inspirieren. Die Volksweisheit
spricht, so lange so hart wie möglich arbeiten, damit die Geburt leichter wird.
Klar, wenn im Krankenhaus niemand etwas von Eisenmangel und Untergewicht der
Säuglinge sagt... Ich frag mich wie sie so anders sein kann, sie redet in
Meetings, wo sonst nur alte Männer sprechen und hat überhaupt andere Ideen. Nur
ihre Brüder durften studieren. Die Sachen, die sie mir erzählt, sind nicht
easy. Harte Dinge beim Namen zu nennen, ist in Laos nicht Tabu.
Ich sitze
am Dorfplatz unter den Sternen und schreibe meine Notizen. Plötzlich ist meine
Taschenlampe weg. Ich geh nur schnell die Hühner einsperren, sagt der
Bürgermeister, und weg ist er. Je länger ich hier bin, umso mehr verwirrt bin
ich betreffend Gesten der Nähe. Manche Dinge, die bei uns Vertrautheit
voraussetzen, sind hier vollkommen geläufig. Zu Beispiel nach dem Einkommen
fragen, über Schicksalsschläge reden, sich über seine eigene Armut beklagen, nach
Geld fragen, bei jemandem ins Haus gehen oder auch Dinge von anderen zu
verwenden und mitten am Dorfplatz duschen. So lustig! Ich find auch plötzlich
meine Einsamkeit und das Andersfühlen mehr verständlich.
Das Treffen
der Spargruppe zieht sich und nicht nur den Mitgliedern ist fad. Ich beginne
immer wieder Unterhaltungen mit anderen und beobachte die Kinder beim Spielen.
Als wir bereit sind zum Fahren, hat die Sonne schon sich schon von einer Seite
des Hauses am Dorfplatz, in dessen Schatten das Treffen abgehalten wurde, zur
anderen bewegt. Zeit zum Heimfahren.