Sonntag, 20. November 2016

"Der Osten"

Gespraech mit einem Moench vor dem Tempel von Muang Sing:


  • Gedanken fliegen durch die Luft wie Affen durch die Baumkronen. Das Gefuehl kenn ich - nervoes sein, zum Beispiel alle fuenf Minuten das Telefon anschauen, auf ein email warten, ein Kribbeln im Bauch spueren, schlecht schlafen koennen.
  • Dagegen hilft Atmen bzw. Meditieren. Einatmen. Ausatmen. Einatmen. Ausatmen. Bauch aufblasen. Bauch einsinken lassen. Das kenn ich ein bisschen. Ab und zu probier ich es.
  • Atmen hilft den Koerper und die Gedanken zu Reinigen. Wenn der Koerper nicht gereinigt ist, kommen schlimme Dinge heraus, wie zum Beispiel Streit oder im schlechtesten Fall Krieg. Ich interpretiere das als "bei mir sein". Wenn ich "bei mir bin" bin ich ruhig und zufrieden. Springen meine Gedankenaffen durch die Gegend, bin ich angespannt. Dann kommen teilweise nicht nette Dinge aus meinem Mund. Bin ich genervt, nerv ich andere.
  • Der Mensch (und eventuell auch alles andere?) besteht aus vier Dingen: Masse / Erde, Wasser / Blut, Feuer / Temperatur und Luft / Atem. Wenn ein Mensch alt wird und stirbt verschwinden die nach einander. Muskeln werden schwach, man schwitzt und Wasser tritt aus, der Koerper wird kalt, zuletzt verschwindet der Atem. Weil mich Sterben noch nicht so beschaeftigt, verstehe ich das eher im Sinne von gesund sein. Muskeln aufbauen und viel Trinken macht den Koerper gesund und bewusst Atmen die Seele.


Notizen aus einem Psychologiebuch ueber den Osten und den Westen:
  • Seit den alten Griechen und Konfuzius, sind die Gedankensysteme dieser unterschiedlichen Kulturkreise fundamental anders. Waehrend die Griechen viel Spass daran hatten zu argumentieren und sich mit Logik zu widerlegen und Regeln zu finden, hatten die Chinesen, Japaner, Koreaner etc. kein so grosses Interesse am oeffentlichen Diskutieren anderer Meinungen. Sie wollten Harmonie und vor allem keine Regeln aufstellen, die nur als Regeln an sich interessant sind. Lieber wollten sie solche Regeln, die praktisch sind. - Das kann ich nachvollziehen. Jemandem (genuesslich!) seine Meinung zu sagen, die anders ist, gilt in Laos als sehr sehr unhoeflich. Abstraktion und lineare Logik im Denken sind nicht etwas, das grosse Begeisterung hervorruft. Es als historisch-kulturell zu sehen ist interessant. Oft wird es von Auslaendern hier als Defizit genannt.
  • Waehrend der Westen das individuelle Objekt hervorhebt aus seinem Kontext (das lernen schon Kinder: "das ist ein rotes Auto"), sieht der Osten das Ganze und die Fuelle an Beziehungen (Kinder in Asien lernen: "ich gebe dir das rote Auto. Sag danke."). Das bedeutet dass sich im Westen der Einzelne als Individuum wahrnimmt (Erfuellung, Selbstbestimmtheit, Freiheit), waehrend das im Osten ueberhaupt nicht wichtig ist, sondern der Einzelne im sozialen Kontext existiert bzw. bestimmt wird (Akzeptanz, Verbundenheit, Unterstuetzung, Herkunft). - Das finde ich sehr interessant. Zum Beispiel habe ich beobachtet, dass "Leistung" als Einzelner in der Arbeit als schlecht gesehen wird, weil man sich ueber andere stellt. Lieber in der Mitte der Masse bleiben. Ich werde als "Chef" bezeichnet, was eine Beziehung ausdrueckt, die nie vergessen werden darf (was mich in meinem Kontext sieht, statt als Person und mich einigermassen ungemuetlich macht).
  • Ein Chinesisches Handelsschiff fuhr vor vielen hundert Jahren voll beladen mit chinesischen feinsten Guetern durch die Weltmeere bis an Afrikas Kuesten. Sie sammelten keine Gueter aus fremden Welten (anders als Humboldt!) sondern teilten ihre aus. Als ihnen eine Giraffe praesentiert wurde sagten sie unbeeindruckt und uninteressiert dass sie so ein Wesen in ihren Fabeln haetten. Das erinnert mich an das wiederkehrende Gefuehl der Frustration angesichts des Desinteresses an meiner Herkunft und vielen anderen Dingen die ausserhalb des Laotischen Lebenskreises liegen. Es zaehlt das, was ist. Nicht was sein koennte. Erfindungen werden nicht gebraucht, wenn man zufrieden ist, mit dem was ist. Koennte ich was lernen, in dem staendigen Vorwaertsschauen und Zukunft ueberlegen meines "westlichen" Denkens!
Das hier ist alles mit einer Prise Salz zu geniessen.

Freitag, 28. Oktober 2016

Pa mai**

** Laotisch fuer Wald. Baeume.


In der Kueche des Buergermeisters treff ich einen Mitarbeiter der Landwirtschaftssektion. Er sei hier um ueber den Wald und ein geplantes Vorhaben der Vientamesen zu sprechen. Als er weg ist, erklaeren der Buergermeister und ein zweiter Mann, dessen Cardamomgarten wir zuvor besucht haben, dass die Sektion da war, um ihnen zu sagen, sie duerfen den Wald nicht abholzen, jedenfalls nicht mehr als ausgemacht ist.


Moment - Wald abholzen? Wieso erklaert die Regierung das den Bauern? Wer hier abholzt, ist doch die Regierung selbst. Ich frage nach und bekomme folgende Geschichte erzaehlt:


Seit 2003, also dreizehn Jahren, kommen vietnamesische Holzarbeiter in den Wald ihres Dorfes um die grossen, wertvollen Tropenhoelzer zu faellen. Mittlerweile gibt es richtigen Wald nur mehr an zwei Stellen. Um eine davon ging es in dem Besuch der Sektion. Die Bezirksregierung vergibt Quota an die vietnamesische Firma und bekommt dafuer bezahlt. In Wirklichkeit nimmmt die Firma mehr als die ausgemachte Anzahl der Baeume. Lastwaegen werden angefuellt, innen mit Holz, aussen mit Mais, und ueberqueren die nahe gelegene Grenze zu Vietnam. Der Sektionsmann wollte sicherstellen, dass die Quota nicht ueberschritten wird und der Regierung kein Geld entgeht.


Und was haben die Bauern davon? Geld jedenfalls nicht. Keinen einzigen Groschen haben sie bekommen fuer die Millionen Dollar an Tropenholz. Seit Jahren fragen sie an, ob sie dafuer eine Dorforganisation, also ein Haus fuer Treffen im Dorf, bekommen koennen. Bis heute - NICHTS. So ein Haus ist nicht einmal ein halber Tropenholzbaum. Die Schule haben sie selber gebaut, zusammengezimmert aus billigem Holz das noch uebrig war.


Waehrend die Bauern fuer ihre Subsistenz hart arbeiten muessen und weiterhin arm sind, haben in den dreizehn Jahren mehrere Bezirksvorsteher viele Hektar an Kautschukplantagen und einige teure SUVs angehaeuft. Der Rest des Reichtums geht an Vientiane.


Wir kommen und verteilen Fische, Cardamomplanzen, versuchen Einkommensmoeglichkeiten zu schaffen durch Oefen zum Trocknen von Bambus. Haetten sie auch nur 1% des Werts des Waldes bekommen, der waehrend mehr als einem Jahrzehnt rund um ihr Dorf gefaellt wurde, waeren diese Bauern um Vieles reicher als unsere gesamte Organisation. Traurig. Unfair. Wuetend.



Sonntag, 23. Oktober 2016

Lazy week end


Chilis pflücken, Hängemattenherumhängen, Kochen, Serien schauen, Arbeiten, Englisch üben mit Nachbarkids, Haare waschen gehen, whats app und skype. Das war mein Wochenende. Ein bisschen fad war mir ab und zu so alleine mit mir. In Wien ist es immer schwer einen Moment für mich alleine zu finden. Hier bin ich voll viel alleine. Unter der Woche fällt es nicht auf, weil ich den ganzen Tag von Leuten umgeben bin und keine down time hab. Aber am Wochenende. Ich hab nicht so Lust meine ArbeitskollegInnen zu treffen. 

Ich fühl mich einsam heute. Das zu schreiben hat einen Beigeschmack von "asozial sein" und "nicht geliebt"...sozial erfolglos. Pouhh.

Alleinfühlen akzeptieren. Hmmm. Alleine fühlen hat nicht immer was mit in Gesellschaft sein zu tun. Mehr mit Verbindung und zufrieden sein. Manchmal bin ich alleine sehr zufrieden. Heute hätt ich gern ein super langes Freundinnengespräch (in echt) gehabt oder wen zum Kuscheln.


Donnerstag, 20. Oktober 2016

Das Mädchen Bub

Meine kleine Nachbarin Boy hat Geburtstag gefeiert. Ein Haus mit einem Haufen kids zwischen drei und zwölf. Neonlicht und ein kniehoher laotischer Tisch. Keine Eltern in Sicht. Alle schlürfen gelbe Suppe mit Würfeln drinnen. Der Eier-Kuchen, sprichwörtlich: ein Teller mit Muffins im Kreis, in der Mitte vier gekochte geschälte Eier. Darin stecken die Kerzen. "Khanom Gkai". Happy birthday wird ca. drei Takte langsamer gesungen als bei uns. Kerzen ausgeblasen, Eierkuchen weggeputzt. Nach zehn Minuten ist das Ganze vorbei. Zum Schluss kommt Boys Papa und öffnet das einzig Geschenk. Ich bring einen Lampion mit, wir versuchen ihn steigen zu lassen, aber er stürzt ab und brennt lichterloh. Gejohle. Die Mama kommt viel zu spät mit Essenseinkäufen, alle sind schon weg. Ich bekomme ein Foto von dem einjährigen Kind meiner Freundin auf meine Handy geschickt. Selbstgebackener Kuchen, Familie um den Tisch, Geschenke. Relativität.

Tjep hua**

** Laotisch für: mein Kopf tut weh, sinngemäß: etwas ist mühsam oder anstrengend.

Mein Kopf tut oft weh. Heute zum Beispiel, Arbeit von sieben Uhr in der Früh bis 7 Uhr am Abend. Vor einem Computerbildschirm, am Telefon, unterbrochen von Kopfzerbrechen über eine nicht funktionierende Festplatte mit allen meinen Daten, in einem kleinen Zimmer bei schönem Wetter. Grantig über das alles und grantig bei meetings. Schlechtes Gewissen darüber. Tjep hua.

Lao Leute zerbrechen sich viel weniger den Kopf über Arbeit. Es gibt einfach so viele andere mindestens gleich wichtige Dinge außerhalb davon. Am Abend im Restaurant bei den Eltern mithelfen, am Wochenende ein Training zu mushroom farming anzubieten, der Gemüsegarten, die Schule vom Kind, das facebook post, das Mittagessen und Abendessen. Viele, viele andere Dinge.

Ich interpretiere das gewöhnlich als fehlende Motivation (oder an schlechten Tagen sogar als Mangel an Respekt). Obwohl ich es besser wissen sollte. Wäre ich etwas weniger müde und mehr entspannt, würde ich mir denken, ich könnte mir gern eine Scheibe davon abschneiden.

Zum Beispiel das: 

"Das Problem ist, dass Bedeutung - das Wichtigsein der Dinge - Anhaftung bedeutet. Alles, an dem wir anhaften, hat das Potenzial sich umzudrehen und uns zu beißen. Die Buddhisten machen einen ziemlichen Wirbel um diese Sache mit der Anhaftung. Es läßt sich leicht erkennen warum, denn es ist ihr Äquivalent zur Sünde. Die Freiheit von Anhaftung bringt uns der totalen Freiheit ein gutes Stück näher. (...) Bedeutung in jeder Form ist Anhaftung und Anhaftung bringt eine Form von Spannung mit sich. Wenn die Bedeutung verschwindet, verschwindet die Anhaftung - und damit auch die Spannung." (John Parkin, Fuck It)

Also: Wenn ich es leichter nehme, nicht so wichtig, geht es leichter. Ergebnis dasselbe - oder sogar besser - aber mit weniger Kraftverlust. Kann ich vom Computer hochschauen und eine Runde an die frische Luft gehen und mir Fuck It denken und dann gut gelaunt ins Meeting gehen? Ist ein bisschen wie mich selber anschummeln, weil ich es tief drinnen so super ernst nehm. Oder mir mit einem Augenzwinkern selber sagen, come on, sei nicht so. Vielleicht kann man das üben und dann wirds tatsächlich weniger ernst und lustiger.

Es ist mir halt auch ernst :-))


Butterfly games.


Sonntag, 9. Oktober 2016

Pai sanaam - going "to the field"


Viel zu spät breche ich auf am Donnerstag Nachmittag, jetzt darf nichts mehr schiefgehen, sonst schaffe ich es vor Sonnenuntergang nicht bis ins Dorf Omtala. Die anderen sind schon vorgefahren im Geländewagen. Die Straßen sind jetzt nach der Regenzeit ausgewaschen und von tiefen Rinnen durchzogen. Vorankommen ist oft nur im Schrittempo möglich. Ich fahre lieber mit dem Motorrad, da kann ich die Luft, Gerüche und Landschaft genießen. Ein bisschen aufgeregt bin ich, so alleine auf weiter Flur – man trifft höchstens einmal pro Stunde jemanden – und ich bin nicht sicher über meinen selbstgezeichneten Plan in der Tasche. Geradeaus, nach dem Dorf Saenlath rechts, dann zwei Mal links, rechts und wieder links. Es sind ca. 40 km bis Omtala.

Die Feldwege sind sich alle sehr ähnlich und je nach Jahreszeit schaut die Landschaft rundherum ein bisschen anders aus. Was vor ein paar Monaten erbrannte Erde war sind jetzt gelbe Reisfelder kurz vor der Ernte. Ich versuche die Schilder zu entziffern, aber mein Lao ist schlecht. „Jo“ kann ich lesen und mir fällt kein anderes Dorf außer „Dapkajok“ (wo ich vorbei muss) ein, das diesen Buchstaben im Namen hat. Also, links. Nach einer Weile bin ich nicht mehr sicher. Noch eine Abzweigung. Links. Ich komme zu einer Kaserne, hier war ich sicher noch nie. Wieder zurück. Mein Hinterrad bricht aus und wackelt komisch, jetzt ist auch noch der Reifen geplatzt auf dem steilen Stück den Berg hinauf. Weiterfahren...weiterfahren...bis ins vorige Dorf und dort wen finden zum Reifenflicken; das kann ich selber nicht. Heute gelernt: Weiterfahren ohne Luft geht.

Reifen repariert aber jetzt sind es nur mehr zwanzig Minuten bis zum Sonnenuntergang. Ich schaffe es gerade noch bis Dapkajok bei Einbruch der Dunkelheit. Das ist zwar nicht wo ich hin muss, aber da ist das Haus von Sengkeos Familie. Sengkeo arbeitet mit mir und ist schon in Omtala (da wo ich hin muss). Aber wo letztes Mal ihr Haus stand, ist eine leere Stelle und Betonreste von einem Haus. Ich klopfe an beim provisorischen Bambuswandhaus dahinter – tatsächlich ist ihre Familie da drinnen. Was ist passiert? Die Mutter war krank und das schon mehrere Jahre, sie waren schon in drei Krankenhäusern, aber sie wird nicht gesund, da können nur die Geister schuld sein. Also wurde das Haus abgerissen und ein neues wird (irgendwann, wenn genug Geld zusammen ist) gebaut. Jetzt hat die Familie kein Geld mehr, nicht einmal die Schwammerlzucht, die sie vor kurzem begonnen haben, kann weiter bewirtschaftet werden.

Ich entscheide, nicht mit den drei betrunkenen Polizisten, die noch am Abend nach Omtala aufbrechen, mitzufahren sondern bei Sengkeos Familie zu übernachten. Am nächsten Tag als ich die steile steinige Pist runterrolle bin ich echt froh darüber. Ohne ein gerades Paar Schnapsgläser komm ich aber nicht davon (ungerade Zahl trinken bringt Unglück!!!), also schlafe ich gut. Sengkeos Familie kennt meinen Vorgänger und ist an Ausländer, die kein Fleisch essen, gewohnt. Sengkeos Vater ist ein erfahrener Mann – die chinesische Teefirma, die ihrem Dorf den Grüntee abkauft, hat er schon i China besucht. Während sie hier im Dorf 150.000 kip (trocken) pro Kilo bekommen, verkauft die Firma den selben Tee um 1.2 Mio. pro kg in China. Super Gewinnspanne für eine Tag Fahrt. Gibt es keine Möglichkeit, besser zu verhandeln? Kann die Landwirtschaftssektion in Khua helfen? Leider nein, die kommen nur zum Essen und Schnaps Trinken, sagt er. Und macht ein Zeichen von Geldscheinen, die in Taschen verschwinden. Früher, meint er, hätte man von Dapkajok nach Khua drei Tage gebraucht. Zwei Übernachtungen und zweieinhalb Tage Fußmarsch. Ich kann es mir vorstellen und plötzlich kommt es er gar nicht mehr lang vor, mein Weg trotz unerwarteter Unterbrechung. 

Früh am Morgen breche ich auf, diesmal biege ich richtig ab und komme bald in Omtala an. Das Dorf liegt wunderschön auf einem Hügelrücken. Eigentlich sind es drei Dörfer, die vor ein paar Jahren hierher zusammengelegt worden sind. Die Leute wollten das nicht und sie verstehen sich nicht untereinander. Sie haben von meiner Organisation einen Dorf-Fonds bekommen, Geld, von dem sie entscheiden konnten, was sie machen wollen. Sie haben Kardamomsetzlinge gekauft und beschlossen, 20% der Summe in Cash beizutragen, um damit Geld zu sammeln für den Notfall. Das Geld sollte von der Frauengruppe verwaltet werden, aber ein paar Familien haben ihren Beitrag noch nicht bezahlt, und deswegen haben sie das Notfallgeld noch nicht genutzt. Wir diskutieren, was wir dem Dorf noch an Trainings anbieten können, bevor das Projekt in acht Monaten schließt.

Es sind weniger Frauen da als Männer, aber immerhin, sie sagen sogar laut, was sie wollen. Vor ein paar Monaten sind Frauen nicht einmal zu den Treffen gekommen angeblich. Sie wollen eine Straße zu den Feldern, das haben wir leider nicht. Training zu Gesundheit während der Schwangerschaft wollen die Frauen, eine von ihnen sagt, dass heuer ihr Kind gestorben ist kurz nach der Geburt. Immer wieder bin ich erstaunt, wie offen über schwere Schicksalsschläge geredet wird. Immerhin können wir mit dem Wunsch weiterhelfen.

Nächster Stopp ist Ban Kongvat. Wir parken vor einem Haus und ich erfahre, dass hier die Eltern von Boualai wohnen, die seit ein paar Monaten freiwillig bei uns arbeitet und auch mitgekommen ist. Boualais Großmutter ist angeblich über hundert. Sie schaut so aus, ganz klein zusammengekrümmt und runzelig, aber sie bewegt sich erstaunlich wendig die steile Holzleiter hinauf in den ersten Stock. Dafür verrichtet sie ihr Geschäft im Freien direkt neben dem Haus und isst am Boden neben dem Feuer. Es gelten andere Regeln hier für alte Leute. Wie sie hundert sein kann, wenn der Vater erst 50 ist, kann ich nicht herausfinden, aber vielleicht sind ein paar Jahrzehnte auf oder ab nicht so wichtig. Boualais älterer Bruder ist heuer bei einem Autounfall umgekommen. Chinesisches Auto. Nur die und die Thais fahren so schnell, lerne ich. Sie waren im Krankenhaus in Khua, dann in Udom Xay und schließlich in Vietnam, aber es konnte nichts gemacht werden.  Kein Wunder, in diesem Krankenhaus in Khua können sie vielleicht Abschürfungen und Brüche feststellen, aber eine Hirnblutung wäre sogar in Vientiane unheilbar. Krank sein und verletzt ist das größte Risiko hier.  


Das meinen auch die Mitglieder der Spargruppe, zu deren Jahresabschlusstreffen wir gekommen sind. Geld zu haben, falls man es braucht, um ins Krankenhaus zu gehen, ist der wichtigste Grund zu sparen für die meisten Mitglieder. Sie haben vor einem Jahr begonnen und sind zwar noch nicht ganz selbständig was die Buchführung anbelangt, aber den Sinn des Sparens haben sie kennengelernt und vor allem die Frauen sind stolz, was sie in einem Jahr angespart haben. Jetzt haben sie sich – je nach Sparleistung des Einzelnen – zwischen 10 und 80 EUR auf einmal ausbezahlt. Geld, das sonst leicht für Süßigkeiten für Kinder ausgegeben worden wäre oder vom Ehemann für Zigaretten. Wir sollen möglichst schnell wieder kommen um Jahr 2 des Vereins zu eröfnen. Sie sind einverstanden, das nächste Jahr nur in der Frauengruppe zu sparen. Ich freu mich so – es war ein langer Weg bis dahin und auch wenn alles Mögliche nicht nach Plan verlaufen ist, bin ich extrem froh zu sehen, dass  wir Dinge tun die wichtig sind für Leute und gemeinsam lernen, wie es geht. Ich bin erledigt – Hitze, Staub Motorradfahren, Gruppentreffen, auf den Berg zum Reisfeld gehen, draußen unter Sternen duschen – und bleib nicht mehr bei den anderen zum Schnapstrinken sitzen.

Schon wieder hab ich den falschen Weg eingeschlagen. Eine halbe Stunde nach den anderen, die nach mir weggefahren sind, komm ich an. Dafür hatte ich eine halbe Stunde alleine mit der Natur, auch gut, wenn die Tage und Nächte so mit anderen Menschen bevölkert sind. Im Dorf gibt es kein Alleinesein. Ich hab dauernd das Gefühl ich werde beobachtet. Am falschen Weg bin auch bei einem Hügelrücken mit leeren Erdstellen vorbeigekommen – da wird bald ein anderes Dorf hingesiedelt. Wie freiwillig ist das?

Das Mädchen „Garten“: Angekommen in Ban Kading, mein Lieblingsdorf. Hier war ich schon oft und kenn viele Leute. Es ist Mittagshitze und alle sind am Feld arbeiten. Wir müssen bis zum Abend warten bis zum Treffen. Die anderen schlafen schon aber ich hab keine Lust  und geh lieber eine Runde durchs Dorf. Ich schließe mich einer Frau an, die gerade mit ihrer kleinen Tochter aufs Feld geht. Sie überrascht mich: „Schwester, ich hab dich letzte Woche im Fernsehen gesehen“. Ich will schon protestieren, dass nicht alle Ausländer gleich ich sind, als sie meint, der Beitrag wäre im Dorf Saen Lath gewesen. Da fallt es mir wieder ein: Beim letzten Besuch des Geldgebers war ein Kamerateam dabei. Sie hat tatsächlich mich im Fernsehen gesehen!

Angekommen beim Feld mach ich eine tolle Entdeckung: Suans Familie hat so ein typisches Reisfeldhäuschen, aber mit offenen Wänden und einer Hängematte! Viel besser als diese dunklen verrauchten Räume sonst, richtiger Luxus. Wir spazieren durch den schulterhohen Reis und suchen Gurken und Kürbisse, die zwischen den Reispflanzen reif sind. Ich sammle feuerrote Chillis, die in der Sonne glänzen als wären sie aus Plastik und meine Augen brennen. Meine Begleiterin heißt suan, „Garten“, wie passend zu diesem sonnigen Tag und den wunderschönen Blumen, die zwischen den Reispflanzen hervorscheinen. Sie macht sich Sorgen weil sie kein viertes Kind will aber von der Verhütungsimpfung Schwindel, Kopfweh und Blutungen bekommt. Wahscheinlich besser, sich im Krankenhaus untersuchen zu lassen, obwohl sehr überzeugt bin ich nicht, dass die da irgendetwas herausfinden könnten.

Vor ein paar Monaten ist die Frau des Bürgermeisters an Gebärmutterkrebs gestorben. Im Endstadium war sie mehrere Male im Krankenhaus und sie haben es nicht erkannt. Suans Kinder sind alle im Krankenhaus geboren, sehr ungewöhnlich. Suan ist überzeugt von Voruntersuchungen und ärztlicher Versorgung. Sie ist in der Minderheit, aber vielleicht kann sie andere inspirieren. Die Volksweisheit spricht, so lange so hart wie möglich arbeiten, damit die Geburt leichter wird. Klar, wenn im Krankenhaus niemand etwas von Eisenmangel und Untergewicht der Säuglinge sagt... Ich frag mich wie sie so anders sein kann, sie redet in Meetings, wo sonst nur alte Männer sprechen und hat überhaupt andere Ideen. Nur ihre Brüder durften studieren. Die Sachen, die sie mir erzählt, sind nicht easy. Harte Dinge beim Namen zu nennen, ist in Laos nicht Tabu.

Ich sitze am Dorfplatz unter den Sternen und schreibe meine Notizen. Plötzlich ist meine Taschenlampe weg. Ich geh nur schnell die Hühner einsperren, sagt der Bürgermeister, und weg ist er. Je länger ich hier bin, umso mehr verwirrt bin ich betreffend Gesten der Nähe. Manche Dinge, die bei uns Vertrautheit voraussetzen, sind hier vollkommen geläufig. Zu Beispiel nach dem Einkommen fragen, über Schicksalsschläge reden, sich über seine eigene Armut beklagen, nach Geld fragen, bei jemandem ins Haus gehen oder auch Dinge von anderen zu verwenden und mitten am Dorfplatz duschen. So lustig! Ich find auch plötzlich meine Einsamkeit und das Andersfühlen mehr verständlich.

Das Treffen der Spargruppe zieht sich und nicht nur den Mitgliedern ist fad. Ich beginne immer wieder Unterhaltungen mit anderen und beobachte die Kinder beim Spielen. Als wir bereit sind zum Fahren, hat die Sonne schon sich schon von einer Seite des Hauses am Dorfplatz, in dessen Schatten das Treffen abgehalten wurde, zur anderen bewegt. Zeit zum Heimfahren.

Mittwoch, 28. September 2016

Das Gefuehl das nicht sein darf


Eifersucht. Wie fuelht sich eifersuechtig sein eigentlich an? Unruhig, nervoes, unzufrieden, aufgeregt, besorgt, traurig, wuetend zum Zerplatzen.   Eine bunte Mischung. Eifersuechtig sein ist auf den anderen gerichtet, nicht darauf , wie ich mich selber fuehl.

Ich denke " er ist so gemein, es ist so unfair, was macht er gerade, es ist anders als normal",...so viele Gedanken, dass ich am Ende echt nicht mehr sicher bin, ob ich mir alles einbilde, was diese Gefuehle ausloest. Dann Vorwuerfe und Unverstaendnis. Ausweichen. Genervt sein. Jetzt weiss ich noch weniger, ob "was dran ist" an meiner Unruhe.

Ausserdem ist es mir peinlich und ich kann nicht gut drueber reden. Besitzansprueche? Er ist doch kein Eigentum, das passt nicht mit meinem Freiheitsanspruch zusammen.

Ich hab Angst, was zu versaeumen.  Angst, dass er sich fuer einen anderen Weg entscheidet. Angst zu verlieren. Das ist der Grund fuer die Unruhe.  Dann bin ich auch traurig, weil das Leben auch ohne mir schoen sein kann. (Obwohl ich uber Freude im Leben anderer froh sein sollte.) Ich bin nicht da, aber es ist trotzdem ein Urlaub. Macht Spass, bringt Zeit mit Leichtigkeit und Freunden und wahrscheinlich flirten.

"Weg sein" ist eine Uebung im Annehmen. Dass alles eine Entscheidung ist, dass es viele Moeglichkeiten gibt. Dass das Leben dort, wo ich nicht bin, trotzdem  weitergeht. Freundinnen haben ihr Leben und manchmal keine Zeit zum Telefonieren. Mein Freund macht Urlaub, mit anderen, hat trotzdem Spass.  Es haengt nicht von mir ab, ich bin nicht mal dabei. Die einzige Moeglichkeit, in Verbindung zu bleiben, ist hier voll zu leben und Erfahrenes zu teilen, nicht sich nach Woanders zu sehnen. Sonst hab ich kein Leben im Jetzt, nur ein Denken oder Sehnen. Pouhhh...manchmal ist Annehmen nicht so leicht. Umarmung an mich selbst. Es ist ok.

Mittwoch, 21. September 2016

Meetings

...die fast ausschliesslich von EuropaerInnen dominiert werden. Wir werden dazu erzogen, unsere Meinung zu sagen. Was fuer ein Vorteil in der Welt.


Lao Menschen werden dazu erzogen, den Wichtigen zuzuhoeren und sich ihren Teil zu denken. Auf keinen Fall dazu, ihre Meinung zu sagen.


Das Resultat? Ein einwoechiges Meeting, in dem die Haelfte der TeilnehmerInnen Nichts sagt. Entscheidungen, die nur auf dem Papier geteilt werden. Umsetzung? Nur von einer Seite. Und dann? Frustration. Aerger. Schuldzuweisungen und zwielichtige Erklaerungen. "Lack of capacity", "education system" usw. Aber haben wir versucht, zuzuhoeren? Entscheidungen zu teilen?


Wie kann das anders ausschauen? Absichtliches Schweigen und Zuhoeren. Sich lehren lassen. Lernen wollen von den Schweigenden.


In Khua bin ich in der Minderheit. Da muss ich (immer!) zuhoeren. Hier kann ich mal reden und mich austauschen, mich einbringen mit dem, was ich kann, und denke zu wissen. Kann Englisch hoeren und reden. Die Versuchung ist zu gross. Entfremdung ist das Resultat. Ich schaeme mich.



Freitag, 16. September 2016

A thousand directions


My mind can go a thousand directions
but on this beautiful path I walk in peace
with each step a flower blossoms
with each step a gentle wind blows.

Thich Nhat Hanh




Ich fuehl mich manchmal wie eine Abenteurerin hier. In meinem Haus auf dem Huegel. Die Moskitos kreisen um die Lampe auf der Terasse und ich schau in die Abenstimmung ueber den Bergen. Tropische Hitze. Einzige Auslaenderin. Unten im Dorf gehen Dinge vor, von denen ich nicht viel verstehe. Viele haben mit Drogen, illegalem Handel von Wildtieren, illegalem Tropenholzraub und sonstigen finsteren Machenschaften zu tun. Ich verstehe die meisten Menschen nur sehr teilweise. Ich kenn die Landkarte nur bruchstueckhaft. Manche Einblicke sind mir gewaehrt. Verstehen ist kompliziert in der Tiefe der kulturellen Abgruende. Aber ich gehe meinen Weg. Er ist spannend.

Countervoices


Einschlafen als meine Augen zufallen im Licht der Stirnlampe unter meinem Moskitonetz. Aufwachen und auf meiner Terasse in der Haengematte gegen die Morgensonne blinzelnd weiter dieses wunderbare Buch lesend. Ich erinnere mich daran wieso ich, seit ich mich erinnern kann, so gerne lese. Die Schoenheit der verschiedenen Welten erkunden. Die Gedanken auf diesen Pfaden schweifen lassen. Entdecken.

Vielleicht kann ich auch mein Notizbuch nehmen und dauernd drauflos kritzeln, Erinnerungen festhalten und sie vielleicht einmal teilen?

Ein paar Stellen moechte ich mir merken, sie haben etwas in mir bewegt.

The lament is familiar to nearly everyone. To care about the world, we have to open our hearts, but opening them, we make them easier to break.” William De Buys, The last unicorn.

Ich bin frustriert und traurig. So oft. Vielleicht genauso oft bin ich gluecklich, ueberrascht und aufgeregt. Momente die mich frustriert und traurig machen? Wenn ich versuche, fuer etwas einzutreten, und das nicht verstanden oder geteilt wird. Die Spargruppen sollen doch fuer die Frauen sein, ein spezieller Ort, an dem sie sich austauschen koennen, ueben mit Zahlen umzugehen, Kontrolle ueber ihr Geld haben, etwas mehr Autonomie geniessen koennen. Das Team, das die Lao Women’s Union alles Geld wegnehmen laesst, um es in einem Regierungs-Sparverein umzusetzen. Das die obersten drei im Dorf entscheiden lasst, anstatt alle Gruppenmitglieder ihre Entscheidungen treffen zu lassen. Das die Regeln so umgeht, dass am Ende wieder ein paar profitieren. Regeln bricht und aendert, ohne es zu diskutieren vorher. Wieder den naibhan die Frauengruppe dominieren laesst. Wieder die Akha sprechende Gruppe in Lao vollquatscht ohne die Vorbereitung mit Bildern ernst zu nehmen. Ihnen Text auf Lao gibt, obwohl sie nicht lesen koennen. Ich will ein Team, dass die Regeln bricht, um Dinge besser zu machen, das selbst denkt, nicht eines, das die top down Hierarchie Mentalitaet reproduziert. Ich bin frustriert weil mein Herz offen ist.

I walk robotically, unanxious and relieved to be heading home, a place of many definitions. Were my legs less wooden, I might feel a sense of elation. As it is, I try to make my mind smooth, a concept borrowed from Apache lore. The idea is to keep the flow of awareness open, not to let extraneous thoughts and feelings intrude, to think only I will place one foot and will leap from it to that one. And not to allow the dissent of countervoices, like I haven’t spring enough in my legs to do it or They are watching me or I cannot bear another dunking. The smooth mind is purged from distraction and self-consciousness. As though refusing delivery of a letter, it rejects the complaint of the inflamed knee, the empty stomach, the weary spirit. If the mind is smooth, nothing unwanted can snag on it. Easier said than done.” William De Buys, The last unicorn.

1. Ich will gehen! Und 2.: Wie viele Gegenstimmen hab ich normalerweise in meinem Kopf, die das Leben schwer machen? Ausschnitte von Gegenstimmen aus einem Meeting gestern: Wie kann der nur so gelangweilt dasitzen, waehrend wir uns so intensiv auf dieses Meeting vorbereitet haben; fuenf Leute aus meinem Team verschwenden ihre Zeit hier, das kostet Geld, waehrend der einfach waehrend der wichtigsten Praesentation rausgeht; der andere ist ein Idiot (das hab ich sogar in meinen Block aufgeschrieben) – wir praesentieren ihm die Resultate der letzten zwei Jahre Arbeit und seine Antwort ist bloss eine Beschwerde dass wir ihm vor einem Jahr nicht doppeltes Taggeld gegeben haben, das ist korrupt und idiotisch, wie soll denn sein Team arbeiten, wenn der Chef so ein Vollkoffer ist; das Krankenhaus ist so dreckig dass einem schlecht wird, die paar Betten fallen halb auseinander und ueberall liegt Muell herum und Staub, wenn sie schon kein Geld haben, wieso koennen sie es nicht wenigstens putzen; und so geht es noch weiter... Kein Wunder dass das Meeting nicht smooth war – mein Kopf war alles andere als smooth. Trotzdem, wundersame Dinge geschehen in Laos, und der Herr von ganz oben hat unser Anliegen unterztuetzt, so dass es egal war, was meine Kopfstimmen – gerechtfertigterweise – als problematisch bezeichnet haben.

Sie ausschalten? Durch Praesenz. Und Fokus auf das Momentane. Ein Schritt vor dem naechsten, ich kann nicht die ganze Welt umkrempeln mit einem Schlag. Wenn ich das weiter versuche, vertraurige ich.  Wenn eine Gruppe funktioniert, ein meeting gut geleitet wird, eine Person mein Anliegen versteht, ist auch schon etwass gewonnen. Gegenstimmen Ausschalten funktioniert mit Fokus auf das Positive und mini baby Schritte. Und ein bisschen mehr coolness. Beim Mittagessen frage ich eine andere Person zu der Spargruppe und sie hat es gecheckt. Yeahhh! Mein Kollege blinzelt mir zu nach dem Meeting und fragt, ob er eh nicht zu hart war. Yeahh! Alliierte suchen.

Manchmal fuehl ich mich zerrissen hier. Hoch und tief, hoch und tief. Wenn das Herz offen ist, gibt es dauernd so viele angenehme und unangenehme Dinge auf einmal. Lebendig.

Und um die Balance zu halten, muss das Grosse Ganze stimmen. Das, was man tut, passt.

One evening by the tents I asked Robichaud, „How do you maintain optimism?“. He looked at me, deadpan. “What makes you sure I do?” he answered. And yet the next day, I watched him on the trail, in his element, even under averse conditions, it seemed to me I was looking at a man who, if not described by the narrow term happy, was fundamentally at peace with what he was doing.” William De Buys, The last unicorn.

 

 

 

 

 

 

Freitag, 19. August 2016

Nacht am Tag





Nur weil es so schoen ist.



Staying sane



Juhuuuu - ich hab meinen blog wieder! Gefunden im Internet und Passwortwirrwar. Jetzt gibts so viel zu schreiben!

Zu Hause Urlaub war wie eine riesige Tankstelle von gutem Essen, Energie, Liebe, Freundschaft, Beruehrungen und Begegnungen. Soooo schoen... Als ich zurueck gekommen bin hab ich mich richtig voll gefuehlt. Jetzt moechte ich gern immer voll sein (mjam!) und die Leichtigkeit und Waerme mitnehmen.

...Zuwendung und Verbindung brauch ich wie eine Pflanze das Licht. Ich bin manchmal schon ganz schoen einsam hier. Und das ist fad. Diese Woche hab ich ein Forschungsprojekt begonnen, wie ich Verbindung mit Leuten hier tiefer machen kann. Zum Beispiel durch angstlos offen sein (nicht denken was wohl andere denken wenn ich das und das sage sondern das sagen was grad ist) und einfach Zeit verbringen. Mehr dazu auf dem gemeinsamen blog. 

...ausserdem mag ich gern ueben, wie ich mich selber so moegen kann und meinen Tag so gestalten kann, dass es sich 100% lebendig anfuehlt. Sich von Interessen treiben lassen stand in einem Artikel. Wie Kinder die von einem zum anderen huepfen aus Neugierde.

In der Arbeit hab ich das versucht - zuerst das machen was am meisten Spass macht und es geniessen...es funktioniert nur so ein bissi weil ich dann abdrifte und nervoes bin wenn das nicht passiert, was getan werden soll. Andererseits kommen dafuer neue Gedanken auf. Das grosse Bild ist praesenter. 

Heute an meinem freien Tag hab ich einen planlosen Vormittag gemacht: zuerst hab ich mich um meinen Koerper gekuemmert, dann was Leckeres gegessen und ins Buchgeschaeft gegangen. Dann zu Fuss gegangen, war alles nicht ueberlegt vorher und hat sich so super angefuehlt. Sein lassen was rauskommt. Treiben. Ohne Erwartungen (kein "du hast noch nicht das oder das geschafft"). Einfach Pause.

...Leichtigkeit ueben: Wie kann ich meinen Alltag so gestalten, dass er leichter ist? In dem tau Artikel stand was von Aufgaben, die einem Spass machen, auf einen Zettel schreiben und dann welche ziehen. Uberraschung und Spass hereinholen. Ich hab mir eine Liste mit Aufgaben gemacht. Zum Beispiel: Zirkaden zuhoeren zehn Minuten, ein Lao Rezept lernen, einen Halbtagesspazierweg finden, Lotto spielen, Radfahren, Lao ueben, einen Freund in seinem neuen Haus besuchen, ein Yoga Wochenende planen, Foto-geschichten machen, usw. Wenn ich mir dann eine aussuche, fallen mir noch viele andere ein. Das Wichtige ist glaub ich sich zu ueberlegen was einem Spass macht und es bewusst zu machen, nicht was es ist. Hab schon ein paar lustige Momente gehabt diese Woche mit Lotto, Laolao und einer Besuchsplanung. Bei Matthias hat auch funktioniert.

Wichtig ist mir auch Entschleunigung. Ich hab beobachtet diese Woche wie ich entspannt ankomme und dann tausende Dinge hereinbrechen. Wie ich dann alles sortiere und anfange, zu machen. Dann wird es zu viel und geht sich nicht in 8 Stunden aus. Dann mache ich am Abend weiter. Dann bin ich muede. Und alleine, weil keine Zeit mit anderen Leuten. Und angespannt, weil nicht alles fertig ist. Arbeitstag entschleunigen mit...

- Pausen fuer gemeinsam lecker Mittagessen
- gehen wenn genug ist
- Dinge auf morgen verschieben
- Sachen abgeben
- gleich entscheiden anstatt herschiieben und Zeit brauchen

:-) So viele gute Vorsaetze, vielleicht ist gerade Neujahrsbeginn fuer mich!







Mittwoch, 18. Mai 2016

Der hohe Norden


Vom heutigen Tag koennte ich ganz unterschiedliche Dinge erzaehlen.

Von der Wut, dass mich die wichtigen laotischen Herren der Provinz als junge Chefin nicht ernst nehmen und als Auslaenderin nicht mit mir kommunizieren wollen. Dass sie das Protokoll wichtiger finden als die Inhalte (nicht umsonst wurde K.s Beachten desselben hoechst gelobt und fanden sich hilflose Augen bei dem Gedanken sich an mich zu wenden) und NGO Arbeit unmoeglich machen indem alles – auch wirklich ALLES – ihren policies folgen muss. Gleichzeitig bemitleide ich sie ein bisschen in ihrem Provinzlerischem, hinter den sieben(hundert) Bergen so dermassen abgeschnitten vom Rest der Welt, dass Auslaender als komplett absurde Sorte Mensch gelten, mit der man nichts anfangen kann.  Ausser chinesische Business Maenner natuerlich. Lastwaegen an Tropenholz rollen vorbei jeden Abend und die Leute fahren hier auffaellig grosse Autos.

Oder auch von der Freude ueber die Phunoy-Tasche, handgenaeht mit den schoenen roten Bommeln, von einer ehemaligen Mitarbeiterin, die weint, weil sie das Team so vermisst. Von Ideen, alte Haeuser und Kultur zu erhalten an einem Ort, an dem alle Neues und chinesisch Grosses wollen. Von einem Spaziergang durch alte gepflasterte Strassen und Holzhaeusern mit chinesischen Kaufhaus-Stil Tueren und Fronten, die an tibetisches Hochland erinnern.

My choice.


Live life as if everything is rigged in your favour. Rumi

Freitag, 29. April 2016

PAUSE

Blick auf einen gruenen Garten und den Mekong mit seinen breiten Straenden. Ein altes chinesisches Handelshaus, bluehende Frangipangi Baeume. Kalte Ziegelfussboeden und eine kuehle Brise durch mein Zimmer. 

Die Strasse draussen glueht und bietet noch ein paar Eindruecke vom alten Laos. Haengende Orchideen, Risse in den franzoesischen Fassaden, verschimmelte feuchte Waende und klappernde hoelzerne Fensterlaeden. 

Ich bin so froh, hier gelandet zu sein!!! Zeit fuer mich und PAUSE. 



Donnerstag, 21. April 2016

Zen


Wie kann ich ruhig, fair und zuhoerend sein, wenn ich mich so aerger? Ich sitz da und frag nach Gruenden, obwohl ich keine hoeren will. Ich find sie herablassend und selbstgefaellig, weil sie meine Kritik von sich abprallen laesst. Eigentlich denk ich mir: bloede Kuh, nur weil du deine privaten Dinge nicht auf die Reihe kriegst, machst du mir um so viel mehr Arbeit. Und beim kleinsten Problem haust du ab, anstatt es anzupacken. Andere kritisieren, anstatt selbst Dinge in die Hand zu nehmen und besser zu machen. Muede in die Arbeit kommen, dauernd krank sein und beim kleinsten Stress ueberfordert. Und dann ohne Umwege in einem email kuendigen. Nach all den Gespraechsangeboten. Grrr. Wolfsstimmen.

Da war ich doch schon mal. Doch beim letzten Mal hab ich einen Tag gewartet und dann reagiert. Echt zugehoert. Jetzt nicht. Zu muede. Auch den Zug verpasst, um noch was zu aendern. Dann hab ich auch meinen Frust ausgesprochen. Dass ich ein Gespraech besser find als ein email. Dass Erwartungen nicht erfuellt wurden. Dass da noch mehr drinnen gewesen waere als Projektmanagerin.

Was sagt meine Kritikerin? Eine Chefin kann nicht veraergert reagieren, du musst profesionell sein, wenn Leute kuendigen ist das weil du was nicht gut gemacht hast, du haettest das verhindern sollen,... 

Aergert mich...

...Sicherheit, weil ich unsicher bin?
...Leichtigkeit, weil ich es mir schwer mache?
...Entscheidungen, weil ich sie vor mir her schiebe?
...Aufbruch, weil ich Unterstuetzung und Nachhaltigkeit will?

Ja, und?



Sonntag, 17. April 2016

Verwundert

Und es gab einen Ort, an dem durften BuergerInnen waehlen. Sie durften sich nicht aussuchen, wen sie wollten, aber sie konnten 2 von 7 Menschen abwaehlen. Also konnten sie innerhalb derselben Gruppe ein Drittel an Anderem mitbestimmen. Doch es gab kein Programm, das waehlbar ware, stattdessen Lebenslaeufe der Kandidaten (es waren sieben Maenner). 

Und wenn man fragte, was denn das Ergebnis sei der Wahlen, so wusste es niemand. Und wann das Ergebnis festehen werde, so wusste es niemand. Vielleicht sechs Monate? Am naechsten grossen Treffen der grossen Leute. 

Doch die grossen Leuten sprachen von Veraenderungen aufgrund der Wahlen. Welchen, das war unklar. Genauso wie das Ergebnis selbst.

Und die Frauen und Maenner die gewaehlt haben. Was haben sie mitbestimmt? 


Samstag, 16. April 2016

Thahn

Eine Woche, drei Doerfer, so viele Eindruecke. Nicht arbeitend sondern ohne Auftrag und Zeitdruck ein paar Tage am Leben von anderen Familien teilnehmend. Anstrengend und lehrreich.


Luftverschmutzung waehrend der Brandrodung


Ban Dapkajog: Wir fahren mit einem vollbepackten Motorrad frueh los und kommen an in einem Dorf, das seine Neujahrsfeier schon hinter sich hat. Die Anlage haengt schief, ueberall liegen leere Flaschen und Muell, alle scheinen verkatert zu sein und Musik droehnt aus unterschiedlichen Haeusern. Schnell noch zum Tempel, aber auch die Zeremonie dort ist schon fast vorbei. Nur ein paar Minuten sitzen wir in der heissen Sonne und bringen den jungen Moenchen die Geschenke. Wir sind einen Tag zu spaet! Schoen zu sehen, dass meine Kollegin die Schwammerlzucht, die wir als Projektaktivitaet anbieten, auch zu Hause auf die Beine gestellt hat. Zwei Kaeufer kommen im Laufe des Vormittags und die Eltern sind zufrieden. Ich kann mich nicht so richtig einfinden in diesen Katertag, alle sprechen Khmu, niemand uebersetzt, sie ziehen von einem Haus zum anderen, um sich zu unterhalten und noch mehr zu trinken. Ich fuehl mich ein bisschen ueberfluessig und unpassend und entscheide mich doch zu Hause zu schlafen. An solchen Tagen vermiss ich meine Familie.


6 Uhr Frueh. Warten auf die Moenche

Ban Omphia: Diesmal am richtigen Tag angekommen. Es geht los am Abend mit einer Zeremonie im Tempel - wunderschoene Stimmung, alle haben eine Schuessel mit Kerzen und Blumen im Wasser mit. Die Moenche beten vor und am Ende besprenkelt man sich mit Wasser, gut gereinigt ins neue Jahr. Wenn es den Leuten zu lange wird, beginnen sie einfach sich laut zu unterhalten und man hoert die Moenche nicht mehr. Die party am Abend dauert mir zu lang, ich geh um 1 schlafen, alle anderen feiern die Nacht durch. In Laos kann ich mittanzen, alles was man tun muss, ist leicht zu wippen und im Kreis zu gehen, ja nicht zu viel Hueftschwung. Der naechste Tag beginnt schon um 5 Uhr Frueh mit Vorbereitungen fuer den Tempel. Man bringt den Moenchen Almosen. Alle sitzen in einem grossen Kreis am Boden um den Tempel und warten bis sie an der Reihe sind. Danach wird gefruehstueckt, von einem Haus zum anderen, die Reste vom Rind und Schwein die am Tag davor geschlachtet worden sind mit viel laolao. 


Ich rede mit einem Moench, der aus dem Dorf ist und in Vientiane studiert hat - Englisch und IT zusaetzlich zur Tempelschule. Jetzt ist er fertig und will zurueck kommen ins Dorf, findet aber keine Arbeit. Ich treff viele junge Burschen wie ihn in den paar Tagen. Mir faellt erst richtig auf, dass normalerweise so wenig Leute zwischen 15 und 30 im Dorf sind. Wir arbeiten meistens mit Frauen um die 30 und aufwaerts. Die ganze junge Generation ist weg, entweder arbeiten oder studieren. Es ist die 1. Generation, die das machen kann. Von den Eltern und den im Dorf gebliebenen hatte niemand diese Moeglichkeit. Auch meine Kollegin war die erste in ihrer Familie und sie finanziert den juengeren Geschwistern die Ausbildung. Wer keine aelteren Geschwister hat, die schon einen Job haben, dem bleibt nur die Moenchsschule. Da ist Wohnen und Essen gratis. Gilt nur fuer Burschen...unfair.


Familie vor dem Totenhaus

Ban Kading: Diesmal fahr ich alleine, alle anderen sind bei ihren Familien. Einmal bieg ich falsch ab, finde aber wieder zurueck. Der Buergermeister ist mein Freund und vor zwei Wochen ist seine Frau gestorben. Gebaermutterkrebs, obwohl ihr das niemand gesagt hat im Krankenhaus (auch nicht ihren Angehoerigen!). Das Neuhjahrsfest im Tempel ist hier gleichzeitig ein Abschied fuer die Toten in dem vergangenen Jahr ("thahn"). Das Haus wirkt geschaeftig, Leute kommen und bringen Geschenke, lassen sich segnen, kochen, bereiten das kleine Totenhaus vor und die Opfergaben. Ins Totenhaus kommt alles, was die Lebenden auch essen und verwenden an den zwei Tagen: Matratze, Kochgeschirr, Essen, Wasser, Geld, eine Kerze brennt davor. 

Aber gleichzeitig mit den vielen Dingen, die an diesem Tag passieren in dem Holzbretterhaus, drueckt sich ueber alles die Traurigkeit. Die Tochter hat staendig nasse Augen, auch alle aelteren Frauen (Schwester, Schwiegermutter, Nachbarin, Cousine etc.) weinen fast unsichtbar. Nur der juengere Bruder schluchzt und heult laut. Mir kommen die Traenen als ich der Traurigkeit von dem Haus entkommen will und mich zu einer alten Frau auf die Bank vor ihrem Haus setz - sie wischt sich die Traenen weg und sagt, sie vermisse die Gestorbene so. Ich hab den Eindruck sie weint gleichzeitig fuer ihre fuenf verstorbenen eigenen Kinder (5 von 13). 

Ihre Enkeltochter wischt die Traurigkeit wieder weg - sie hat zwei kleine Kinder am Arm und keine Zeit. Sie sagt, fuer sie reichen zwei Kinder. Was fuer ein Unterschied zwischen den Generationen. Obwohl der Durschnitt eher bei vier liegt. Waehrend der Zeremonie im Tempel sitz ich neben einer unter der extremen Hitze leidenden hochschwangeren Frau. Sie war bei noch keiner Untersuchung und wird ihr Baby im Dorf zur Welt bringen. Die naechste Krankenstation ist eine Stunde entfernt - da war sie noch nie, sie wirkt erstaunt ueber meine Frage, es scheint ihr unmoeglich. Ihr Mann habe kein Motorrad und sowieso kein Geld. 2 EUR kostet das Bezin dahin wahrscheinlich.


Brandrodung entlang der Strasse

Die eineinhalb Tage sind so intensiv. Staendig umgeben von Leuten, immer unter Beobachtung. Ich muss ab und zu eine kleine Runde im Wald drehen. Das Bild, das ich in meinen bisherigen Besuchen waehrend der Arbeit hatte, veraendert sich ein bisschen. 


  • Erreichen wir die Richtigen? Die schwangere Frau ist nicht Mitglied der Kleinspargruppe, auch nicht die Familie, die ein bisschen ausserhalb am Huegel wohnt.
  • Die abwehrende Haltung in dem Dorf zu Bildung, die mich bisher verwirrt hat, klaert sich ein bisschen auf. Erstens, es studieren schon viele ausserhalb. Sie alle kommen zu Neujahr nach Hause und es sind ploetzlich doppelt so viele Leute im Dorf. Zweitens, die jungen Leute wollen nicht ins Dorf zurueck. Sie koennen English und wollen eine Anstellung, nicht als Bauern am Feld arbeiten. Wenn die jungen Arbeit finden, ziehen die Alten oft nach. Das Dorf hat jetzt nur mehr 27 Familien statt fast 60. Wenn es zu klein wird, muessen sie (per Regierungspolitik) umsiedeln und sich einem groesseren Dorf anschliessen. Davor haben sie Angst, besonders die Alten.
  • Armut ist bei manchen Leuten ein staendiger Zustand, bei anderen situationsabhaengig. Die Frau mit dem Mann ohne Motorrad und die Familie auf dem Huegel, deren Mutter ihre Toechter, die eine andere Provinz gezogen sind, noch nie besuchen konnte, sind staendig arm. Der Buergermeister war nicht arm. Durch die Behandlung seiner Frau hat er viel Geld verloren, der Stall, wo vorher die Tiere waren, ist jetzt leer. Das Dach am Haus kann doch nicht heuer repariert werden. Aber er hat auch viel Unterstuetzung, so viele Leute im Dorf helfen ihm, er hat Cousins in Khua in der Regierung, Verbindungen zu unserer NGO, er konnte sich von der Dorfspargruppe als Erster Geld ausborgen. Er kann sich von dem finanziellen Schock erholen. Das Netz an Verwandten und Beziehungen ist Reichtum.
 
Alles, was ich persoenlich tun kann, um das Leben von anderen leichter zu machen, ist relativ. Ich kann dem naibhan Geld geben fuer den Krankenhausbesuch, aber nicht allen Mitgliedern der Frauengruppe fuer ihre Familien. Unfair? Dasselbe gilt fuer unsere Organisation: Wir koennen nicht allen weiterhelfen in allen Bereichen ihres Lebens. Es wird immer eine momentane Unterstuetzung bleiben, auch wenn sie moeglichst lang wirken soll, es sind ganz viele andere Faktoren im Spiel. Das Wassersystem ist super - alle im Dorf verwenden es. Aber wenn die Leute abwandern, wird es nicht mehr gebraucht. Das Einkommen vom Cardamom ist super, aber die armen Familien sind immer noch arm. Wenn die Jungen einen Job finden und Geld schicken, nutzt es vielleicht mehr. Ich glaub die Langsamkeit, mit der sich Leute am Dorfplatz bewegen, ihre taeglichen Aufgaben verrichten, so aehnlich ist auch unsere Unterstuetzung - langsam wirkt und sickert sie. Dabei passieren so viele Dinge rundherum so schnell. 



Montag, 11. April 2016

Sabaidee Pi Mai

Manche Momente werd ich besonders in Erinnerung behalten. Zum Beispiel gestern: Eingeladen bei der Landwirtschaftssektion des Bezirks zur Pi Mai (Laotische Neujahrs) Feier. Die Veranstaltung beginnt mit einer traditionellen baci Zeremonie. Alle knien um den runden Tisch auf dem Plastikblumen, Suessigkeiten, Obst und Essen aufgebaut sind, ganz oben brennt eine Kerze. Einige alte Maenner mit Parteiabzeichen sind auch gekommen, sie haben frueher fuers Landwirtschaftsminsiterium in Khua gearbeitet. Die Angestellten haben ihre Frauen und Familien mitgebracht, alle sind feierlich angezogen. Der Bezirkshauptmann ist da. Ich hab meine Schaerpe vergessen und bekomme ein T Shirt zum Umhaengen geborgt. Der Aelteste spricht die Segen, alle beruehren den Tisch oder eine Person, die den Tisch beruehrt. Dann kommt der netteste Teil: Man bindet einander die weissen Baender fuer Glueck und Gesundheit (diesmal im neuen Jahr) ums Handgelenk und beglueckwuenscht sich.

Dann das Beeindruckendste: Innerhalb weniger als einer halben Stunde verwandelt sich das Bild von Feierlich zu komplettem Chaos. Die Tische sind voller verstreuter Essensreste, am Boden liegen Bierflaschen, eine elegante alte Frau bruellt - abwechselnd mit dem stellvertretendem Bezirkschef - schrille Karaokesongs in die uebersteuerten Lautsprecher, alle Tische tropfen von umgeschuetteten Bier und zerflossenen Eiswuerfeln, die Tanzenden wanken und bewegen vorsichtig ihre Hueften. Dazwischen liest der Moderator vor, wer welche Kiste Bier gespendet hat. Jedes Mal wenn ein neuer Gast zum Tisch kommt, muss das Glas ex getrunken werden. Die Kroenung: Alle Angestellten tragen schwarze T Shirts mit riesen gruenen Marihuanapflanzen-Motiv - das diesjaehrige Neujahrsgeschenk der Abteilung. Ich scheine das ganz allein lustig zu finden. Hier waere wohl eher eine Mohnpflanze daneben.

Nach dem dritten Versuch mich zu verabschieden, die alle in noch mehr Bier geendet haben, mach ich mich heimlich im Finstern auf dem Moped aus dem Staub. Mich erinnernd an betrunkene Fahrten durch die Pfalzau mit 16. 

So geht das jetzt noch zwei Wochen weiter. So viel zu asiatischer Zurueckhaltung, alles sehr relativ. Happy New Year! Sabaidee Pi Mai.

Donnerstag, 7. April 2016

Management

Management - die groesste Herausforderung bisher. Soweit ein paar Sachen gelernt:



Verantwortung einfordern statt zu uebernehmen: Ich mag gern, Sachen selber in die Hand nehmen, wenn sie nicht von selber passieren, und dann hoffen, dass es irgendwann von selber passiert. Anstatt Leuten zu erklaeren, wie sie sie machen sollen. Vor allem wenn die Leute es sich nicht gern erklaeren lassen. Fuehrt zu...Muedigkeit und Ueberforderung. Stattdessen: Klar einfordern und Konsequenzen ziehen, wenn es nicht kommt. Sonst sind Leute nachher ueberrascht.



Nett sein wollen: Ich mag gern, den Leuten durch die Blume zu sagen, was ich gern haette und hoffen, dass sie es verstehen. Wenn was nicht passt, sollt ich mutig sein und sagen, dass es so nicht passt. Durch die Blume wird (absichtlich oder unabsichtlich) gern missverstanden. Stattdessen: Klar sagen was Sache ist, ist fair.



Mit den "untersten" in der Hierarchie eng kommunizieren: Levels ueberspringen kann dazu fuehren dass Leute sich uebergangen fuehlen oder entmaechtigt. Ausgehoelt. Ist nett gemeint, aber stattdessen - sollten wohl irgendwie die "lines" respektiert werden, sonst koennen Leute in der Mitte ihren Job nicht machen. Sie muessen mitgenommen werden...

Regelmaessig gefuehlsmaessig einchecken: Ich mag gern - glauben dass es alles passt und alle zufrieden sind und bin dann enttaeusch wenn es nicht so ist. Stattdessen: Strukturen einfuehren um echt und offen zuzuhoeren. Nicht nur schriftlich sondern z.B. monatliche team meetings in kleineren Projektteams, wo nicht nur ueber Dinge die man tut, sondern auch ueber Dinge die man fuehlt gesprochen wird.

Hmpf. Mal schauen wie ich das besser machen kann. Gut auch ueber so Sachen feedback vom Team zu bekommen. Vertrauen waechst...


Sonntag, 27. März 2016

Verdichtung

Wenn man sich nur kurz sieht, verdichten sich alle Gefuehle. Alles wirkt intensiver, weil es in einen kurzen Zeitraum gepackt ist. Freude uebers Wiedersehen, ueber die Naehe, Geschichten hoeren die versaeumt wurden, Muedigkeit weil endlich Pause, Sorge schon wieder ueber das Kommende, Trubel und Laerm in der intensiven Stadt. Entscheidungen ueber Essen und Aktivitaeten. Viel auf einmal. Mein Kopf laermt und diese Stadt auch. Ich muss dauernd gaehnen.


Gemeinsames Abendessen in einer schicken Pizzeria. Wichtige Worte werden gesprochen. Was wuensche ich mir vom Leben, was vom Gegenueber. Angst, dass die Wege nicht parallel verlaufen. Kurz Wut, als ich glaube herauszuhoeren dass meine Vorstellungen von wo und wie leben nicht gleichwertig gehoert werden. Was ist schon "normal"? 

Mut, dem anderen Freiraeume zu lassen, die eigenen Entscheidungen zu treffen. Dann wann es passt, anstatt jetzt Dinge zu versprechen, die sich unsicher anfuehlen. Mut, Unsicherheiten zuzugeben. Mut, Wuensche nach Gemeinsamem auszusprechen. 

So viel Offenheit schafft Verbindung - und Klarheit. Nicht ueber das Ergebnis oder eine gleiche Meinung am Ende, sondern ueber ehrliche Bemuehung nach Verbindung und Akzeptanz. Das fuehlt sich gut an. Nicht das Ergebnis zaehlt (die meisten der Fragen beschaeftigen sich  ohnehin mit Zukunft) sondern der Weg. Und wie es sich jetzt anfuehlt. Naehe getankt. 

Donnerstag, 17. März 2016

Dankbar

Auf meine Frage, ob ich beim Reispflanzen ins Dorf mitkommen kann bekomm ich interessante Geschichten zu hoeren. Drei junge Frauen auf ihrem Weg dahin, wo sie jetzt sind. Schon einige Jahre her, aber nicht zu lang, um sich nicht gut daran zu erinnern. Eine von ihnen seh ich vor mir, wie sie mit ihrem schwerem Schulrucksack jeden Sonntag von ihrem Dorf den Berg hinuntergeht nach Khua, um die Oberstufe zu besuchen. Rucksack voll mit Reis und Essen fuer die Woche. Am Freitag den Berg wieder hinauf, der Weg dauert einen ganzen Tag. Es gab schon die Strasse damals, aber sie hatten kein Motorrad. Trotzdem hat sie es durchgezogen. Ist in der Erntezeit jeden Tag um vier aufgestanden, um zu beweisen, dass sie fleissig ist. "Nur fleissige Kinder duerfen in die Schule" wurde ihr gesagt.

Die zweite Frau hat auch eine Geschichte mit einem Rucksack. Sie hat nur 10.000 kip, also 1 Dollar, pro Woche bekommen - "also nur einmal Nudelsuppe in der Frueh" lacht die erste Frau - und deswegen auch viel Essen mitnehmen muessen. Aus ihrer Schule haben alle Maedchen aufgehoert nach der Volksschule. Ausser sie und zwei andere. Die sind allerdings in der Unterstufe schwanger geworden und dann ist sie alleine weiter in die Schule gegangen. Nach drei Jahren Landwirtschaftsschule zurueck im Dorf ohne Arbeit. Alle lachen - "jetzt musst du erst am Feld arbeiten", "studieren ist faul - du wirst nie einen Mann finden". Sie lacht und sagt sie haette so ein unglaubliches Glueck gehabt dass sie diesen Job hier gefunden haette, sonst waere sie im Dorf am Reisfeld.

Die dritte Frau hat nicht nur sich selbst die Ausbildung finanziert, indem sie Khua Gemuese verkauft hat jedes Wochenende - noch eine Rucksackgeschichte also - sondern dann auch noch ihrem Bruder und ihrer Schwester. Sie sagt sie hat Landwirtschaft studiert weil sie unsere Organisation in ihrem Dorf arbeiten hat sehen. Dann hat sie ihren Vater gefragt, was man machen muesse um so eine lustige Arbeit zu bekommen. "Landwirtschaft studieren" war die Antwort. Und dann hat sie tatsaechlich das gemacht, was sie damals getraeumt hat.

Die Geschichten machen mich dankbar. Fuer die leichte und beschuetzte Kindheit die ich gehabt hab. Und nachdenklich, wie leicht ich Leute an meinen eigenen Kriterien messe (verstehen sie Gender? koennen sie eine Gruppendiskussion leiten? einen Bericht schreiben?) - das sind Sachen, die ich von ihnen brauche. Komplett andere als sie dauernd leisten.