Freitag, 29. April 2016

PAUSE

Blick auf einen gruenen Garten und den Mekong mit seinen breiten Straenden. Ein altes chinesisches Handelshaus, bluehende Frangipangi Baeume. Kalte Ziegelfussboeden und eine kuehle Brise durch mein Zimmer. 

Die Strasse draussen glueht und bietet noch ein paar Eindruecke vom alten Laos. Haengende Orchideen, Risse in den franzoesischen Fassaden, verschimmelte feuchte Waende und klappernde hoelzerne Fensterlaeden. 

Ich bin so froh, hier gelandet zu sein!!! Zeit fuer mich und PAUSE. 



Donnerstag, 21. April 2016

Zen


Wie kann ich ruhig, fair und zuhoerend sein, wenn ich mich so aerger? Ich sitz da und frag nach Gruenden, obwohl ich keine hoeren will. Ich find sie herablassend und selbstgefaellig, weil sie meine Kritik von sich abprallen laesst. Eigentlich denk ich mir: bloede Kuh, nur weil du deine privaten Dinge nicht auf die Reihe kriegst, machst du mir um so viel mehr Arbeit. Und beim kleinsten Problem haust du ab, anstatt es anzupacken. Andere kritisieren, anstatt selbst Dinge in die Hand zu nehmen und besser zu machen. Muede in die Arbeit kommen, dauernd krank sein und beim kleinsten Stress ueberfordert. Und dann ohne Umwege in einem email kuendigen. Nach all den Gespraechsangeboten. Grrr. Wolfsstimmen.

Da war ich doch schon mal. Doch beim letzten Mal hab ich einen Tag gewartet und dann reagiert. Echt zugehoert. Jetzt nicht. Zu muede. Auch den Zug verpasst, um noch was zu aendern. Dann hab ich auch meinen Frust ausgesprochen. Dass ich ein Gespraech besser find als ein email. Dass Erwartungen nicht erfuellt wurden. Dass da noch mehr drinnen gewesen waere als Projektmanagerin.

Was sagt meine Kritikerin? Eine Chefin kann nicht veraergert reagieren, du musst profesionell sein, wenn Leute kuendigen ist das weil du was nicht gut gemacht hast, du haettest das verhindern sollen,... 

Aergert mich...

...Sicherheit, weil ich unsicher bin?
...Leichtigkeit, weil ich es mir schwer mache?
...Entscheidungen, weil ich sie vor mir her schiebe?
...Aufbruch, weil ich Unterstuetzung und Nachhaltigkeit will?

Ja, und?



Sonntag, 17. April 2016

Verwundert

Und es gab einen Ort, an dem durften BuergerInnen waehlen. Sie durften sich nicht aussuchen, wen sie wollten, aber sie konnten 2 von 7 Menschen abwaehlen. Also konnten sie innerhalb derselben Gruppe ein Drittel an Anderem mitbestimmen. Doch es gab kein Programm, das waehlbar ware, stattdessen Lebenslaeufe der Kandidaten (es waren sieben Maenner). 

Und wenn man fragte, was denn das Ergebnis sei der Wahlen, so wusste es niemand. Und wann das Ergebnis festehen werde, so wusste es niemand. Vielleicht sechs Monate? Am naechsten grossen Treffen der grossen Leute. 

Doch die grossen Leuten sprachen von Veraenderungen aufgrund der Wahlen. Welchen, das war unklar. Genauso wie das Ergebnis selbst.

Und die Frauen und Maenner die gewaehlt haben. Was haben sie mitbestimmt? 


Samstag, 16. April 2016

Thahn

Eine Woche, drei Doerfer, so viele Eindruecke. Nicht arbeitend sondern ohne Auftrag und Zeitdruck ein paar Tage am Leben von anderen Familien teilnehmend. Anstrengend und lehrreich.


Luftverschmutzung waehrend der Brandrodung


Ban Dapkajog: Wir fahren mit einem vollbepackten Motorrad frueh los und kommen an in einem Dorf, das seine Neujahrsfeier schon hinter sich hat. Die Anlage haengt schief, ueberall liegen leere Flaschen und Muell, alle scheinen verkatert zu sein und Musik droehnt aus unterschiedlichen Haeusern. Schnell noch zum Tempel, aber auch die Zeremonie dort ist schon fast vorbei. Nur ein paar Minuten sitzen wir in der heissen Sonne und bringen den jungen Moenchen die Geschenke. Wir sind einen Tag zu spaet! Schoen zu sehen, dass meine Kollegin die Schwammerlzucht, die wir als Projektaktivitaet anbieten, auch zu Hause auf die Beine gestellt hat. Zwei Kaeufer kommen im Laufe des Vormittags und die Eltern sind zufrieden. Ich kann mich nicht so richtig einfinden in diesen Katertag, alle sprechen Khmu, niemand uebersetzt, sie ziehen von einem Haus zum anderen, um sich zu unterhalten und noch mehr zu trinken. Ich fuehl mich ein bisschen ueberfluessig und unpassend und entscheide mich doch zu Hause zu schlafen. An solchen Tagen vermiss ich meine Familie.


6 Uhr Frueh. Warten auf die Moenche

Ban Omphia: Diesmal am richtigen Tag angekommen. Es geht los am Abend mit einer Zeremonie im Tempel - wunderschoene Stimmung, alle haben eine Schuessel mit Kerzen und Blumen im Wasser mit. Die Moenche beten vor und am Ende besprenkelt man sich mit Wasser, gut gereinigt ins neue Jahr. Wenn es den Leuten zu lange wird, beginnen sie einfach sich laut zu unterhalten und man hoert die Moenche nicht mehr. Die party am Abend dauert mir zu lang, ich geh um 1 schlafen, alle anderen feiern die Nacht durch. In Laos kann ich mittanzen, alles was man tun muss, ist leicht zu wippen und im Kreis zu gehen, ja nicht zu viel Hueftschwung. Der naechste Tag beginnt schon um 5 Uhr Frueh mit Vorbereitungen fuer den Tempel. Man bringt den Moenchen Almosen. Alle sitzen in einem grossen Kreis am Boden um den Tempel und warten bis sie an der Reihe sind. Danach wird gefruehstueckt, von einem Haus zum anderen, die Reste vom Rind und Schwein die am Tag davor geschlachtet worden sind mit viel laolao. 


Ich rede mit einem Moench, der aus dem Dorf ist und in Vientiane studiert hat - Englisch und IT zusaetzlich zur Tempelschule. Jetzt ist er fertig und will zurueck kommen ins Dorf, findet aber keine Arbeit. Ich treff viele junge Burschen wie ihn in den paar Tagen. Mir faellt erst richtig auf, dass normalerweise so wenig Leute zwischen 15 und 30 im Dorf sind. Wir arbeiten meistens mit Frauen um die 30 und aufwaerts. Die ganze junge Generation ist weg, entweder arbeiten oder studieren. Es ist die 1. Generation, die das machen kann. Von den Eltern und den im Dorf gebliebenen hatte niemand diese Moeglichkeit. Auch meine Kollegin war die erste in ihrer Familie und sie finanziert den juengeren Geschwistern die Ausbildung. Wer keine aelteren Geschwister hat, die schon einen Job haben, dem bleibt nur die Moenchsschule. Da ist Wohnen und Essen gratis. Gilt nur fuer Burschen...unfair.


Familie vor dem Totenhaus

Ban Kading: Diesmal fahr ich alleine, alle anderen sind bei ihren Familien. Einmal bieg ich falsch ab, finde aber wieder zurueck. Der Buergermeister ist mein Freund und vor zwei Wochen ist seine Frau gestorben. Gebaermutterkrebs, obwohl ihr das niemand gesagt hat im Krankenhaus (auch nicht ihren Angehoerigen!). Das Neuhjahrsfest im Tempel ist hier gleichzeitig ein Abschied fuer die Toten in dem vergangenen Jahr ("thahn"). Das Haus wirkt geschaeftig, Leute kommen und bringen Geschenke, lassen sich segnen, kochen, bereiten das kleine Totenhaus vor und die Opfergaben. Ins Totenhaus kommt alles, was die Lebenden auch essen und verwenden an den zwei Tagen: Matratze, Kochgeschirr, Essen, Wasser, Geld, eine Kerze brennt davor. 

Aber gleichzeitig mit den vielen Dingen, die an diesem Tag passieren in dem Holzbretterhaus, drueckt sich ueber alles die Traurigkeit. Die Tochter hat staendig nasse Augen, auch alle aelteren Frauen (Schwester, Schwiegermutter, Nachbarin, Cousine etc.) weinen fast unsichtbar. Nur der juengere Bruder schluchzt und heult laut. Mir kommen die Traenen als ich der Traurigkeit von dem Haus entkommen will und mich zu einer alten Frau auf die Bank vor ihrem Haus setz - sie wischt sich die Traenen weg und sagt, sie vermisse die Gestorbene so. Ich hab den Eindruck sie weint gleichzeitig fuer ihre fuenf verstorbenen eigenen Kinder (5 von 13). 

Ihre Enkeltochter wischt die Traurigkeit wieder weg - sie hat zwei kleine Kinder am Arm und keine Zeit. Sie sagt, fuer sie reichen zwei Kinder. Was fuer ein Unterschied zwischen den Generationen. Obwohl der Durschnitt eher bei vier liegt. Waehrend der Zeremonie im Tempel sitz ich neben einer unter der extremen Hitze leidenden hochschwangeren Frau. Sie war bei noch keiner Untersuchung und wird ihr Baby im Dorf zur Welt bringen. Die naechste Krankenstation ist eine Stunde entfernt - da war sie noch nie, sie wirkt erstaunt ueber meine Frage, es scheint ihr unmoeglich. Ihr Mann habe kein Motorrad und sowieso kein Geld. 2 EUR kostet das Bezin dahin wahrscheinlich.


Brandrodung entlang der Strasse

Die eineinhalb Tage sind so intensiv. Staendig umgeben von Leuten, immer unter Beobachtung. Ich muss ab und zu eine kleine Runde im Wald drehen. Das Bild, das ich in meinen bisherigen Besuchen waehrend der Arbeit hatte, veraendert sich ein bisschen. 


  • Erreichen wir die Richtigen? Die schwangere Frau ist nicht Mitglied der Kleinspargruppe, auch nicht die Familie, die ein bisschen ausserhalb am Huegel wohnt.
  • Die abwehrende Haltung in dem Dorf zu Bildung, die mich bisher verwirrt hat, klaert sich ein bisschen auf. Erstens, es studieren schon viele ausserhalb. Sie alle kommen zu Neujahr nach Hause und es sind ploetzlich doppelt so viele Leute im Dorf. Zweitens, die jungen Leute wollen nicht ins Dorf zurueck. Sie koennen English und wollen eine Anstellung, nicht als Bauern am Feld arbeiten. Wenn die jungen Arbeit finden, ziehen die Alten oft nach. Das Dorf hat jetzt nur mehr 27 Familien statt fast 60. Wenn es zu klein wird, muessen sie (per Regierungspolitik) umsiedeln und sich einem groesseren Dorf anschliessen. Davor haben sie Angst, besonders die Alten.
  • Armut ist bei manchen Leuten ein staendiger Zustand, bei anderen situationsabhaengig. Die Frau mit dem Mann ohne Motorrad und die Familie auf dem Huegel, deren Mutter ihre Toechter, die eine andere Provinz gezogen sind, noch nie besuchen konnte, sind staendig arm. Der Buergermeister war nicht arm. Durch die Behandlung seiner Frau hat er viel Geld verloren, der Stall, wo vorher die Tiere waren, ist jetzt leer. Das Dach am Haus kann doch nicht heuer repariert werden. Aber er hat auch viel Unterstuetzung, so viele Leute im Dorf helfen ihm, er hat Cousins in Khua in der Regierung, Verbindungen zu unserer NGO, er konnte sich von der Dorfspargruppe als Erster Geld ausborgen. Er kann sich von dem finanziellen Schock erholen. Das Netz an Verwandten und Beziehungen ist Reichtum.
 
Alles, was ich persoenlich tun kann, um das Leben von anderen leichter zu machen, ist relativ. Ich kann dem naibhan Geld geben fuer den Krankenhausbesuch, aber nicht allen Mitgliedern der Frauengruppe fuer ihre Familien. Unfair? Dasselbe gilt fuer unsere Organisation: Wir koennen nicht allen weiterhelfen in allen Bereichen ihres Lebens. Es wird immer eine momentane Unterstuetzung bleiben, auch wenn sie moeglichst lang wirken soll, es sind ganz viele andere Faktoren im Spiel. Das Wassersystem ist super - alle im Dorf verwenden es. Aber wenn die Leute abwandern, wird es nicht mehr gebraucht. Das Einkommen vom Cardamom ist super, aber die armen Familien sind immer noch arm. Wenn die Jungen einen Job finden und Geld schicken, nutzt es vielleicht mehr. Ich glaub die Langsamkeit, mit der sich Leute am Dorfplatz bewegen, ihre taeglichen Aufgaben verrichten, so aehnlich ist auch unsere Unterstuetzung - langsam wirkt und sickert sie. Dabei passieren so viele Dinge rundherum so schnell. 



Montag, 11. April 2016

Sabaidee Pi Mai

Manche Momente werd ich besonders in Erinnerung behalten. Zum Beispiel gestern: Eingeladen bei der Landwirtschaftssektion des Bezirks zur Pi Mai (Laotische Neujahrs) Feier. Die Veranstaltung beginnt mit einer traditionellen baci Zeremonie. Alle knien um den runden Tisch auf dem Plastikblumen, Suessigkeiten, Obst und Essen aufgebaut sind, ganz oben brennt eine Kerze. Einige alte Maenner mit Parteiabzeichen sind auch gekommen, sie haben frueher fuers Landwirtschaftsminsiterium in Khua gearbeitet. Die Angestellten haben ihre Frauen und Familien mitgebracht, alle sind feierlich angezogen. Der Bezirkshauptmann ist da. Ich hab meine Schaerpe vergessen und bekomme ein T Shirt zum Umhaengen geborgt. Der Aelteste spricht die Segen, alle beruehren den Tisch oder eine Person, die den Tisch beruehrt. Dann kommt der netteste Teil: Man bindet einander die weissen Baender fuer Glueck und Gesundheit (diesmal im neuen Jahr) ums Handgelenk und beglueckwuenscht sich.

Dann das Beeindruckendste: Innerhalb weniger als einer halben Stunde verwandelt sich das Bild von Feierlich zu komplettem Chaos. Die Tische sind voller verstreuter Essensreste, am Boden liegen Bierflaschen, eine elegante alte Frau bruellt - abwechselnd mit dem stellvertretendem Bezirkschef - schrille Karaokesongs in die uebersteuerten Lautsprecher, alle Tische tropfen von umgeschuetteten Bier und zerflossenen Eiswuerfeln, die Tanzenden wanken und bewegen vorsichtig ihre Hueften. Dazwischen liest der Moderator vor, wer welche Kiste Bier gespendet hat. Jedes Mal wenn ein neuer Gast zum Tisch kommt, muss das Glas ex getrunken werden. Die Kroenung: Alle Angestellten tragen schwarze T Shirts mit riesen gruenen Marihuanapflanzen-Motiv - das diesjaehrige Neujahrsgeschenk der Abteilung. Ich scheine das ganz allein lustig zu finden. Hier waere wohl eher eine Mohnpflanze daneben.

Nach dem dritten Versuch mich zu verabschieden, die alle in noch mehr Bier geendet haben, mach ich mich heimlich im Finstern auf dem Moped aus dem Staub. Mich erinnernd an betrunkene Fahrten durch die Pfalzau mit 16. 

So geht das jetzt noch zwei Wochen weiter. So viel zu asiatischer Zurueckhaltung, alles sehr relativ. Happy New Year! Sabaidee Pi Mai.

Donnerstag, 7. April 2016

Management

Management - die groesste Herausforderung bisher. Soweit ein paar Sachen gelernt:



Verantwortung einfordern statt zu uebernehmen: Ich mag gern, Sachen selber in die Hand nehmen, wenn sie nicht von selber passieren, und dann hoffen, dass es irgendwann von selber passiert. Anstatt Leuten zu erklaeren, wie sie sie machen sollen. Vor allem wenn die Leute es sich nicht gern erklaeren lassen. Fuehrt zu...Muedigkeit und Ueberforderung. Stattdessen: Klar einfordern und Konsequenzen ziehen, wenn es nicht kommt. Sonst sind Leute nachher ueberrascht.



Nett sein wollen: Ich mag gern, den Leuten durch die Blume zu sagen, was ich gern haette und hoffen, dass sie es verstehen. Wenn was nicht passt, sollt ich mutig sein und sagen, dass es so nicht passt. Durch die Blume wird (absichtlich oder unabsichtlich) gern missverstanden. Stattdessen: Klar sagen was Sache ist, ist fair.



Mit den "untersten" in der Hierarchie eng kommunizieren: Levels ueberspringen kann dazu fuehren dass Leute sich uebergangen fuehlen oder entmaechtigt. Ausgehoelt. Ist nett gemeint, aber stattdessen - sollten wohl irgendwie die "lines" respektiert werden, sonst koennen Leute in der Mitte ihren Job nicht machen. Sie muessen mitgenommen werden...

Regelmaessig gefuehlsmaessig einchecken: Ich mag gern - glauben dass es alles passt und alle zufrieden sind und bin dann enttaeusch wenn es nicht so ist. Stattdessen: Strukturen einfuehren um echt und offen zuzuhoeren. Nicht nur schriftlich sondern z.B. monatliche team meetings in kleineren Projektteams, wo nicht nur ueber Dinge die man tut, sondern auch ueber Dinge die man fuehlt gesprochen wird.

Hmpf. Mal schauen wie ich das besser machen kann. Gut auch ueber so Sachen feedback vom Team zu bekommen. Vertrauen waechst...