Sonntag, 27. März 2016

Verdichtung

Wenn man sich nur kurz sieht, verdichten sich alle Gefuehle. Alles wirkt intensiver, weil es in einen kurzen Zeitraum gepackt ist. Freude uebers Wiedersehen, ueber die Naehe, Geschichten hoeren die versaeumt wurden, Muedigkeit weil endlich Pause, Sorge schon wieder ueber das Kommende, Trubel und Laerm in der intensiven Stadt. Entscheidungen ueber Essen und Aktivitaeten. Viel auf einmal. Mein Kopf laermt und diese Stadt auch. Ich muss dauernd gaehnen.


Gemeinsames Abendessen in einer schicken Pizzeria. Wichtige Worte werden gesprochen. Was wuensche ich mir vom Leben, was vom Gegenueber. Angst, dass die Wege nicht parallel verlaufen. Kurz Wut, als ich glaube herauszuhoeren dass meine Vorstellungen von wo und wie leben nicht gleichwertig gehoert werden. Was ist schon "normal"? 

Mut, dem anderen Freiraeume zu lassen, die eigenen Entscheidungen zu treffen. Dann wann es passt, anstatt jetzt Dinge zu versprechen, die sich unsicher anfuehlen. Mut, Unsicherheiten zuzugeben. Mut, Wuensche nach Gemeinsamem auszusprechen. 

So viel Offenheit schafft Verbindung - und Klarheit. Nicht ueber das Ergebnis oder eine gleiche Meinung am Ende, sondern ueber ehrliche Bemuehung nach Verbindung und Akzeptanz. Das fuehlt sich gut an. Nicht das Ergebnis zaehlt (die meisten der Fragen beschaeftigen sich  ohnehin mit Zukunft) sondern der Weg. Und wie es sich jetzt anfuehlt. Naehe getankt. 

Donnerstag, 17. März 2016

Dankbar

Auf meine Frage, ob ich beim Reispflanzen ins Dorf mitkommen kann bekomm ich interessante Geschichten zu hoeren. Drei junge Frauen auf ihrem Weg dahin, wo sie jetzt sind. Schon einige Jahre her, aber nicht zu lang, um sich nicht gut daran zu erinnern. Eine von ihnen seh ich vor mir, wie sie mit ihrem schwerem Schulrucksack jeden Sonntag von ihrem Dorf den Berg hinuntergeht nach Khua, um die Oberstufe zu besuchen. Rucksack voll mit Reis und Essen fuer die Woche. Am Freitag den Berg wieder hinauf, der Weg dauert einen ganzen Tag. Es gab schon die Strasse damals, aber sie hatten kein Motorrad. Trotzdem hat sie es durchgezogen. Ist in der Erntezeit jeden Tag um vier aufgestanden, um zu beweisen, dass sie fleissig ist. "Nur fleissige Kinder duerfen in die Schule" wurde ihr gesagt.

Die zweite Frau hat auch eine Geschichte mit einem Rucksack. Sie hat nur 10.000 kip, also 1 Dollar, pro Woche bekommen - "also nur einmal Nudelsuppe in der Frueh" lacht die erste Frau - und deswegen auch viel Essen mitnehmen muessen. Aus ihrer Schule haben alle Maedchen aufgehoert nach der Volksschule. Ausser sie und zwei andere. Die sind allerdings in der Unterstufe schwanger geworden und dann ist sie alleine weiter in die Schule gegangen. Nach drei Jahren Landwirtschaftsschule zurueck im Dorf ohne Arbeit. Alle lachen - "jetzt musst du erst am Feld arbeiten", "studieren ist faul - du wirst nie einen Mann finden". Sie lacht und sagt sie haette so ein unglaubliches Glueck gehabt dass sie diesen Job hier gefunden haette, sonst waere sie im Dorf am Reisfeld.

Die dritte Frau hat nicht nur sich selbst die Ausbildung finanziert, indem sie Khua Gemuese verkauft hat jedes Wochenende - noch eine Rucksackgeschichte also - sondern dann auch noch ihrem Bruder und ihrer Schwester. Sie sagt sie hat Landwirtschaft studiert weil sie unsere Organisation in ihrem Dorf arbeiten hat sehen. Dann hat sie ihren Vater gefragt, was man machen muesse um so eine lustige Arbeit zu bekommen. "Landwirtschaft studieren" war die Antwort. Und dann hat sie tatsaechlich das gemacht, was sie damals getraeumt hat.

Die Geschichten machen mich dankbar. Fuer die leichte und beschuetzte Kindheit die ich gehabt hab. Und nachdenklich, wie leicht ich Leute an meinen eigenen Kriterien messe (verstehen sie Gender? koennen sie eine Gruppendiskussion leiten? einen Bericht schreiben?) - das sind Sachen, die ich von ihnen brauche. Komplett andere als sie dauernd leisten.