Sonntag, 28. Februar 2016

Enttaeuscht

HR Management ist was Neues fuer mich und kostet mich Kraft. Wahrscheinlich sollte ich ueber diesen Dingen stehen und mich nicht verantwortlich fuehlen, wenn Leute kuendigen. Aber es ist ein Verlust, in Leute zu investieren und dann gehen sie. Alle mit gutem Grund, sicherlich, viele Gruende, manche, die mir ihren persoenlichen Prioritaeten zu tun haben, aber auch viele, die direkt das Team betreffen. Und genau diese wuerde ich gern verhindert haben.

Einer geht und beschuldigt einen anderen dafuer. Dann beschuldigen mehr Leute den anderen. Es gibt Lager von Zustimmung und Ablehnung, komplett unterschiedliche Sichtweisen. Das Problem ist nicht weg mit dem, der geht. Das ist das eigentliche Problem. 

Kommunikation, die nicht stattfindet. Anstatt Probleme anzusprechen, kuendigen die Leute. Scheinbar einfacher, einen neuen Job zu finden, als Probleme zu loesen. Zuerst nichts sagen, um dem anderen nicht schlecht dastehen zu lassen, aber dann richtig schimpfen. Und im gleichen Atemzug fragen, ob man nicht im neuen Projekt wieder angestellt werden koenne. Null Selbstreflexion. Vielleicht doch kein so grosser Verlust?!

Ich tu mir schwer bei den Grabenkaempfen. Ich mag keine Konflikte, aber denk mir, ich sollt sie ernst nehmen und loesen helfen. Aber das geht nicht, wenn ich sie mir wegwuensche. Und wenn sie mich so aergern. 

Sie sind immer da, die unterschiedlichen Vorstellungen, nur werden sie sonst nicht ausgesprochen. Also auch eine Moeglichkeit, die Wuensche an andere klar und deutlich zu machen. Mein Wunsch an den Konfliktemacher ist sein Team ernst zu nehmen und sie zu respektieren und unterstuetzen. Kann doch nicht so schwer sein. Ups, da ist er wieder, der Aerger. 

Samstag, 20. Februar 2016

Peace and silence

Ich hab Musik hoeren wieder entdeckt. Mit schoenen Klaenge und Woertern ist es so einfach, Stimmungen und Gefuehle wahrzunehmen, fuehlen (ohne denken), was da drin los ist. Heute in der Frueh hab ich dauernd das Lied im Kopf gehabt:
„And the eeeee-asy silence that you maaake for me
it’s ok when there is nothing more to say to me
then the peeeee-ace and quiet you cre-aaate for me
and the way you keep the wooorld at bay from me.” 
(Dixie Chicks, easy silence)

Ich mag nicht nur die Woerter, sondern eher den ruhigen, zufriedenen Rhythmus, der sagt, es ist gut so. Ich bin aufgewacht und wollt mich zum Computer setzen. Kalt und angespannt. Getrieben von Gedanken, dass ja das Budget noch fertig werden muss, die Evaluierung noch kommentiert werden muss, die Baseline-Frageboegen fertig zu lesen und kommentieren sei. Dann hab ich mich entschieden stattdessen eine Runde Laufen zu gehen, hab Power Yoga gemacht und eine Stunde „total body relaxation“ CD gehoert und heiss geduscht. Jetzt trink ich Kaffe und dann setz ich mich zum Computer. Warm und entspannt. Zufrieden. Zufrieden denk ich mir statt „baeeehh budget“,  „woaw, ich mach das hier eigentlich auch manchmal verdammt gut und kann zufrieden mit mir sein“.

Die „nicht genug“ Gedanken: Nicht genug arbeiten, nicht gut genug sein, nicht genug Erfahrung haben,... Ich moecht mir viel lieber denken, dass das was schon da ist, was ich bin, schoen ist. Und gleichzeitig mutig sein, dass was ich mir ertraeume, auch wirklich zu verfolgen. Ich war voll oft neidig auf Leute mit Auslandserfahrung. Jetzt mach ich hier voll viele neue Erfahrungen und – ja – ich hab recht gehabt, das zu wollen. Ich bin so unglaublich froh ueber diese Erfahrungen und  glaub, dass ich ohne sie in dem „mehr wollen“ Zustand geblieben waere. Aber dieser Unterschied zwischen dem positiven „mehr wollen“ und dem negativen „nicht genug“ denken ist mir gerade bewusst geworden.  „Mehr wollen“ ist Traeumen, „nicht genug“ sein ist Schaemen.


Eine Kollegin mit fuenfzehn Jahren Auslandserfahrung schaemt sich vor mir, nicht genug ueber manche Dinge zu wissen. Andere, die meiner Meinung nach nicht viel ueber manche Dinge wissen, sind total von sich selbst ueberzeugt. Es ist immer relativ und Ansichtssache. Nicht was andere denken oder die Fakten schaffen das nicht genug Gefuehl, sondern was man selbst ueber sich denkt. Ich mag heute das easy silence Lied, weil ich mir denk, es ist ok, ich kann mir selber inneren Frieden und Ruhe schaffen, indem ich die „nicht genug“ Gedanken umwandle und mir das anschaue, was schon da ist, und worauf ich bauen kann um das zu erreichen, wovon ich traeume. 

Freitag, 19. Februar 2016

Mosaik eines raffinierten Spiels

Mittlerweile erkenn ich genau, wie sich das anfuehlt, wenn ich extrem angespannt bin. Wangenknochen pressen zusammen und mein Kiefer schmerzt, Schultern ziehen sich nach oben und mein ganzer Koerper steif, wie ein Raubtier am Sprung. Dieser Koerper, gekleidet als halbwegs elegante Lao Dame, in dem neuem dunkelblauen Lao Rock mit bunter Seidenborte und einem hellblauen schoenen Oberteil, sitzt ganz vorne, am wichtigen Tisch, alle 62 TeilnehmerInnen anschauend, direkt neben dem „pathan“, dem Vorsitzenden des Meetings. Er ist Direktor des „Aussenministeriums“ auf Provinzebene. Dessen Auftrag: Kontrolle der INGOs.

Ganz vorne in der ersten Reihe sitzen das Pendant aus dem Aussenministerium, very VIP, Direktor der INGO Kontrollsektion aus Vientiane. Landwirtschaftsministerium, Gesundheitsministerium, Umweltministerium. Die gleiche Riege noch einmal auf Provinzebene und von vier Bezirken. Und die Frauenunion, Massenorganisation der Partei. Zum Glueck auch das Team und unsere zwei NGO Partner, die man hier aber nicht so nennen darf. Alle zehn Minuten wird es mir zu anstrengend, Lao zu verstehen, und ich mach eine Gedankenpause und schau mich um.

Der duenne, schwarz gekleidete Typ aus dem Gesundheitsministerium macht sich hektisch Notizen, rutscht aufgeregt auf seinem Sessel herum, fluestert mit dem Nachbarn, seine Haut glaenzt und er pickt kleine bunte Post-its auf den Jahresplan und Bericht, den wir praesentieren. Ganz aufgeregt ist er, wenn er etwas findet, wovon er denkt, dass es nicht den Regierungsvorgaben entspricht. Er zeigt auf und will etwas sagen. Ich spuer einen Knoten Angst im Bauch. Und Wut. Am Abend davor haben wir „nett“ mit ihm gegessen, er ist ein Freund unserer Projektmanagerin, so alt wir wir, was will der eigentlich??!

Ein Lichtblick – der Bezirksvorsteher von dem schwierigsten der vier Bezirke, in denen wir arbeiten, verteidigt unseren Jahresplan, findet ihn gut und unterstuetzt unsere Arbeit. Er will noch ein paar zusaetzliche Motorraeder und ein Auto fuer den Bezirk rausschlagen, aber da kommt ihm zum Glueck der VIP aus dem Ministerium dazwischen und bestaetigt, dass das leider  nicht im Abkommen mit der Reigerung steht. Der gleiche Vorsteher spielt am Abend mit uns Badminton und ladet uns ein, doch oefter in seinem Buero vorbeizuschauen. Uff, Erleichterung an einer Front.

Dann wieder Anspannung – die technischen Angestellten, die mit uns taeglich im Feld arbeiten, werden gefragt, ob es stimmt, was wir da ueber die Aktivitaeten der letzten sechs Monate praesentiert haben. Schweigen. Sie sitzen ganz hinten in der letzten Reihe und versuchen unauffaellig zu schauen, keine Bewegung. Die Frau von der Union, die fast jeden Tag in unserem Buero ist, der junge Mann aus der Umweltsektion, der immer beim Badmintonspielen mit dabei ist; alle, die so oft, Trainings, Tagsaetze und Essenseinladungen bekommen – sie schweigen. Feiglinge! Schon wieder bin ich so wuetend, und muss laechlend in die Runde schauen. Wahrscheinlich haben sie auch Angst. Sie sind die kleinen Fische.

Dann der Projektmanager, der unseren Plan verteidigt gegen die vielen Anfragen nach mehr und mehr – wir haetten den Plan schliesslich mit den Maennern und Frauen aus dem Dorf gemeinsam gemacht und koennen ihn jetzt nicht einfach hier veraendern, ohne ihre Zustimmung. Ja, genau die richtige Antwort. Ich freu mich und bin auch ein bisschen stolz darauf, bottom up Argumente in dieses hierarchische System zu bringen. Wir haben im Dorf sogar abgestimmt, welche die besten Aktivitaeten sind. Waehlen in diesem authoritaeren Staat! Freu mich auch, dass ich nichts beantworten muss, sondern das Team selber alle richtigen Antworten bereit hat.


Die Sonne steht schon tief und wirft lange Schatten durch die staubigen, vergitterten Fenster der Halle. Ein Raum voller Gegensaetze – wir reden von „gender equality“ und die jungen Maedels aus dem Team bringen das Essen und registrieren hoeflich die TeilnehmerInnen, wir wollen soziale Gerechtigkeit und muessen uns in Hierarchien einordnen. Hierarchien die durch Marx und Lenin an der Wand legitmiert werden. Wie ein Spott liegt auf einem Sessel ein Aufkleber mit „defend food sovereignty! no land, no live“. Das geht also?! Was ist mit den Bananenplantagen und Staudaemmen, die ihren Bezitzern grosse Autos finanzieren? Alles nicht so klar schwarz und weiss, und schwierig die „Guten“ von den „Boesen“ zu unterscheiden. 



Wackelige Spielsteine auf einem aeusserst ungleichen Spielfeld. Jeder naechste Zug kann einen Eklat hervorrufen. Das Training zu Landrechten auf dem Jahresplan wurde unter Zeitdruck durchgewunken. Und dann kommt sie, ganz kurz vor dem Ende – die Frage nach dem Budget. Ein Einziger in einem Raum von sechzig, der mitrechnet und vergleicht. Zahlen in Frage stellt. Wieder der Gesundheitsmann in schwarz. Sein einziger falscher Schachzug: er ist zu spaet dran und vermischt sie mit anderen Fragen. Die anderen Fragen werden beantwortet, diese eine wird diplomatisch ignoriert und durch die elends lange Abschlussrede des Vorsitzenden abgewuergt. Am Abend mit freundschaftlichem Badminton-Match, viel Bier und Karaoke hinuntergespuelt. Arbeit und Freizeit sind in Lao streng getrennt, also wird nicht mehr nachgefragt. Geschafft und wieder sechs Monate Zeit gewonnen. Ich stimme erleichtert in den betrunkenen Karaokechor mit ein.

Mittwoch, 10. Februar 2016

Selbstbestimmung

Telefon laeutet. 21:30, ein Arbeitskollege. Eine wichtige Angelegenheit, weil so spaet. Von Herzen kommend. Lang ueberlegt, ob das anzusprechen sei. Das freut mich auch, das Vertrauen. Aber dann haut mich das Thema um: Ich hab eine Hose angehabt und ausserdem den Kolleginnen gesagt, sie koennen auch ruhig Hosen anziehen wenn sie es angenehmer finden, vor allem wenn es so kalt ist. Das faende er nicht gut, nicht respektvoll der Regierung gegenueber, schliesslich koenne jeden Moment wer reinkommen bei der Tuere und dann schaue es so aus, als waeren wir keine "ordentliche" Organisation. Nicht respektvoll der Lao Kultur gegenueber. Und ausserdem sehr unhoeflich. 

Selbstempathie...ganz viel....Selbstbestimmung, Frauenrechte, nieder dem Patriarchat schreit es in mir. Dann Schuldzuweisungen - so ein traditioneller Knirch, wie kommt er dazu, was soll das ueberhaupt, I am the boss, ich mach hier die Regeln (da muss ich schon innerhalb schmunzeln). Kurz Selbstzweifel - bin ich echt nicht respektvoll? Autsch, ich verschwinde in diesen entgegengesetzen, abwechselnden Wahrnehmungen. 

Dann: OK, wie geh ich damit in der Organisation um? Die Maedels sagen, sie wollen das anziehen koennen, was sie wollen. Aber er regt sich auf. Yeah, ich bin auf ihrer Seite (Verbuendete, noch dazu Laotinnen, schon bin ich weniger unsicher). Kann ihn aber auch nicht bloed dastehen lassen. Eine Teamdiskussion ueber Frauenrechte? Als Beispiel ins Gendertraining aufnehmen? Eine Abstimmung? Ein Gespraech unter vier Augen?

Kanns nicht entscheiden. Bin noch viel zu platt, ueberfahren, umgeworfen von dem was ich als Angriff auf meine innerste Entscheidungsfreiheit seh. Pause druecken.



Samstag, 6. Februar 2016

Flowers or weeds

Heute war ich irritiert weil ein Kollege aus Vientiane negatives Feedback zu der Arbeit von meinem Team gegeben hat. Zu schnell, zu wenig tiefgehend, nicht genuegend aufeinander abgestimmt. Sofort hab ich gedacht, "na super, das war wieder der und der, der kann nicht gut kommunizieren" und ueber den Kollegen "der kommt einmal im Jahr und glaubt er durchschaut alles, soll ers doch besser machen". Wolfsstimmen. Ich hab voll zugemacht. Weil ich mich fuer die Arbeit von meinem Team verantwortlich fuehle und Kritik an ihnen, Kritik an mir ist und ich die nicht hoeren will. 

Ich bin naemlich auch gerade aus dem Dorf zurueckgekommen mit Zweifeln. Ob wir wirklich auf die Situation der Leute eingehen oder nur unser Programm durchziehen. Wie wirs irgendwann schaffen sollen, nicht nur "was kriegen wir von CARE" als Dialog zu haben, sondern wirklich Wissen vermitteln und in Austausch sein koennen und zur Loesung von Problemen beitragen koennen. Weil unser Beitrag so klein ist, ein Tropfen auf den heissen Stein, und ob die Leute nach Ende des Projekts wirklich noch weiter das Gelernte anwenden? 

Kritik nicht hoeren wollen ist doof. Vor allem wenn ich mir dasselbe denk. Warum will ich nicht hinschauen? Es ist mir peinlich, (als ich und als Team) Fehler zu machen, nicht perfekt zu sein. Ich wills gut machen. 

Peinlich ist mir auch, dass ich der Laenge nach in den Gatsch gefallen bin und den ganzen Nachmittag voll dreckig herumgelaufen bin. Dass ich ein Mitarbeitergespraech mit meinem Vize hab und ihm vermitteln will, dass er seine Ziele nicht erreicht und mich stattdessen fuer Dinge rechtfertige, die eigentlich er verbockt hat. Dass ich mich darauf einlass. Hab ich keine Authoritaet? Warum will ichs allen rechtmachen? Baeh. 

Kritik, gekoppelt mit peinlich fuehrt zu defensiv und Blockade. Ich bleib bei den "nicht genug" Gedanken haengen. Fuehl mich schlecht. Kanns nicht loslassen.

Also, weiter Hinschauen. Lieb sein zu mir und Augen auf. Beitragen wollen. Anfaengerschwierigkeiten als neue Managerin gegenueber einem 50jaehrigen. Es ist ok. Ist es?

"Our mind is a garden, our thoughts are the seeds, you can grow flowers or you can grow weeds." Ritu Ghatourey

Mittwoch, 3. Februar 2016

Wide open spaces

Who doesn't know what I'm talking about
Who's never left home, who's never struck out
To find a dream and a life of their own
A place in the clouds, a foundation of stone

Many precede and many will follow
A young girl's dreams no longer hollow
It takes the shape of a place out west
But what it holds for her, she hasn't yet guessed

She needs wide open spaces
Room to make her big mistakes
She needs new faces
She knows the highest stakes
(Dixie Chicks)


Das Lied beruehrt mich grad - es spielt mit meiner Abenteuerlust und einem trotzigen, lachenden Gesicht, das sich denkt, nicht alles unter Kontrolle haben wollen, Fehler machen duerfen, nicht denken, was uebermorgen kommt, dem folgen, was mir jetzt grad Spass macht. Wenn ich am Abend beim Lagerfeuer sitz und Khmu Woerter lerne und von Pas Papa von einer anderen Zeit in Laos hoere und in eine so andere Welt eintauche, fuehl ich mich wohl. Laufen nach einer Woche meetings und drinnen sein. Aufs Motorrad und den Fluss entlang fahren. Ich mag raus!!!! Aber ja, der Einsatz ist hoch - meine foundation of stone.