Freitag, 11. Dezember 2015

Erdung

Es wird schon kuehl und winterlich hier. Die Reisernte ist vorbei und die Felder dunkelgruen und braun, jeden Tag liegt eine dicke Nebelschicht bis zu Mittag ueber Khua. Auf den Bergen oben scheint sie Sonne. Ich geniesse es so, draussen zu sein.

Das sind Geniessmomente, die waren in den letzten Wochen nur kurz, weil ich bin schon wieder im Stress gefangen. Das fuehlt sich so an: 
- nicht auf meinen Koerper hoeren, zum Beispiel den ganzen Tag nichts Trinken und dann Kopfweh bekommen;
- irritiert und schlecht aufgelegt sein, Leuten direkt sagen was mir nicht passt und das nicht nur freundlich, weil meine Empathie-Sensoren mit mir und anderen auf Null sind;
- muede und angstrengt sein, mich nicht gut konzentrieren koennen, ich hoer dann Leuten nicht wirklich zu, sondern denk schon an alles was sonst noch zu tun ist;
- alles entmutigt mich und ich interpretiere Sachen auf mich bezogen und beleidigt.

Heute ist Samstag und ich hab Luft und kann das mit Abstand sehen und Batterien aufladen. Apollo an Erde, wo bist du? Ich will alles gut machen, schauen dass unsere Arbeit sinnvoll ist, dass jedeR beitragt, Unterstuetzung bekommen. 

Mag mich zu jedem Zeitpunkt mit der Erde verbinden koennen, nicht nur nach 10 Stunden schlafen, drei Tatort Folgen und Laufen gehen. 

Nur noch vier(und zwei Wochenends-)Arbeitstage - dann hab ich drei Wochen Urlaub. Scheint gerade so unreal, dass ichs nicht glauben kann. Vielleicht wird viel Arbeit auch zum Mantra - ich fuehl mich ganz komisch bei dem Gedanken an drei Wochen nicht Arbeiten. Zeit fuer Pause.


Nachtrag

Erschoepft geh ich durchs Finstere vom Buero nach Hause.  Nur das halbe Programm vom Training geschafft, dafuer ganz sicher, dass alle es verstanden haben. Ein Satz Punkt Uebersetzung Punkt Fragende Gesichter Punkt Gespraech auf Lao Punkt Gedanken schweifen ab Punkt Langsame Frage auf Englisch Punkt Naechster Satz hoffentlich noch zum Thema Punkt. Ungeduldig.

„Hast du schon gegessen?“ fragt  Pa meine Freundin und Nachbarin. Genau der richtige Zeitpunkt. „Wir essen gerade, komm rueber“. Lao Rock aus, gemuetliche Hose an und schnell zur Feuerstelle vorm Haus, wo die Nachbarn rund um einen niedrigen Alu-Tisch Abendessen. Pa, Mae thau ihre Mama, Phor thau der Papa, der Bruder, der kleine Dam und die zwei  Cousinen aus dem Dorf, die fuer ein Jahr bei ihnen wohnen. Pa macht noch schnell ein paar Eier in der Pfanne extra fuer mich – „du isst kein Fleisch, ich ess so viel Fleisch!“ Freu mich dass ich mittlerweile Stammgast an der Feuerstelle und irgendwie Teil ihrer Familie bin. Reis miteinander essen – kin khau – daraus werden soziale Bande geschmiedet. Wir lachen ueber das Huhn, das den dritten Anlauf nimmt, um zu den anderen auf den Baum zu fliegen, und es wieder nicht schafft. Dam spielt mit seinen Instant Nudeln und lasst sie so weit runterhaengen, dass der Hund sie schnappt. Ich geniesse die Zeit und das leckere Essen.

Die Luft ist schon kuehl am Abend, vor allem auf dem Motorrad, als ich spaeter ins Krankenhaus fahre und mein Ruecken zieht sich zummsammen, froestelnd. Trotzdem, ich liebe in der Nacht Moped fahren – ein Gefuehl der Freiheit. Intimitaet gibt es auf dieser Krankenstation jedenfalls keine. Jeweils zwei Betten nebeneinander aber nur durch eine Mauer getrennt und direkt im Gang. Ich stell mir vor, hier ernsthaft krank zu liegen und schlafen zu wollen. Keine Chance. Nicht nur die Patienten sind da, sondern ganze Familien oder Bekanntschaften. Sie kommen um zu helfen, wo es keine Dienstleistungen gibt. Der Buergermeister von Kading hat seine kranke Frau auf dem Motorrad hierher gebracht (vier Stunden auf miesesten Strassen,“keuap tai“, fast sei sie gestorben, meint er). Ausserdem sind da noch der Village Health Volunteer und ein aelterer Mann aus dem Dorf. Die drei schlafen am Boden neben ihrem Krankenbett, waehrend des gesamten Aufenthalts. Von dem sie nicht wissen, wie lange er dauern wird – einerseits verstehen sie den Arzt, der nur Lao aber nicht Khmu spricht, und die Diagnose nicht, andererseits wissen sie nicht, ob sie das, was sie hoeren, glauben sollen. Doch lieber nach Udom Xay ins Krankenhaus?

Der naibhan macht sich Sorgen um seine Frau, um ihre Zukunft gemeinsam. Er will wissen, was mit ihr los ist und wie es weitergeht. Alle, die heute Abend und diese Woche da sind, kommen fuer sie beide. Um der Frau gute Besserung zu wuenschen und dem naibhan die Zeit und Sorgen zu vertreiben. So ein Krankenhausaufenthalt braucht nicht nur Geld fuer Ubernachtung, Medizin und Arztkosten, sondern auch eine Menge an soziale Leistungen: Die beiden Maenner kochen jeden Tag fuer alle vier im Haus von einem Bekannten, der in der Naehe wohnt. Wir bringen kleine Geschenke und Trinken vorbei und organisieren die Rueckfahrt. Arrangieren ein Gespraech mit dem Arzt. Ich bin beruehrt von diesem Reichtum an Beziehungen. Der Mann, der mit einem Plastiksack und seiner kranken Frau am Moped gekommen ist, ist das Zentrum von diesem reichen Netzwerk. Es fuehlt sich nach Sicherheit an, als koennte er Dinge bewegen und moeglich machen, was unmoeglich erscheint. Der runzelige alte Mann vom Bett daneben gesellt sich noch auf einen Lao Lao Schnaps zu unserer Gruppe am Boden und sagt zu mir „I don’t have money“ auf Englisch. Seine Familie ist 1975 nach Amerika ausgewandert. Er will da nicht hin, aber sie schicken Geld. Ein kurzer Einblick in ein weiteres Netz an reichen Beziehungen. Dann ab nach Hause durch die Dunkelheit.