Freitag, 19. Februar 2016

Mosaik eines raffinierten Spiels

Mittlerweile erkenn ich genau, wie sich das anfuehlt, wenn ich extrem angespannt bin. Wangenknochen pressen zusammen und mein Kiefer schmerzt, Schultern ziehen sich nach oben und mein ganzer Koerper steif, wie ein Raubtier am Sprung. Dieser Koerper, gekleidet als halbwegs elegante Lao Dame, in dem neuem dunkelblauen Lao Rock mit bunter Seidenborte und einem hellblauen schoenen Oberteil, sitzt ganz vorne, am wichtigen Tisch, alle 62 TeilnehmerInnen anschauend, direkt neben dem „pathan“, dem Vorsitzenden des Meetings. Er ist Direktor des „Aussenministeriums“ auf Provinzebene. Dessen Auftrag: Kontrolle der INGOs.

Ganz vorne in der ersten Reihe sitzen das Pendant aus dem Aussenministerium, very VIP, Direktor der INGO Kontrollsektion aus Vientiane. Landwirtschaftsministerium, Gesundheitsministerium, Umweltministerium. Die gleiche Riege noch einmal auf Provinzebene und von vier Bezirken. Und die Frauenunion, Massenorganisation der Partei. Zum Glueck auch das Team und unsere zwei NGO Partner, die man hier aber nicht so nennen darf. Alle zehn Minuten wird es mir zu anstrengend, Lao zu verstehen, und ich mach eine Gedankenpause und schau mich um.

Der duenne, schwarz gekleidete Typ aus dem Gesundheitsministerium macht sich hektisch Notizen, rutscht aufgeregt auf seinem Sessel herum, fluestert mit dem Nachbarn, seine Haut glaenzt und er pickt kleine bunte Post-its auf den Jahresplan und Bericht, den wir praesentieren. Ganz aufgeregt ist er, wenn er etwas findet, wovon er denkt, dass es nicht den Regierungsvorgaben entspricht. Er zeigt auf und will etwas sagen. Ich spuer einen Knoten Angst im Bauch. Und Wut. Am Abend davor haben wir „nett“ mit ihm gegessen, er ist ein Freund unserer Projektmanagerin, so alt wir wir, was will der eigentlich??!

Ein Lichtblick – der Bezirksvorsteher von dem schwierigsten der vier Bezirke, in denen wir arbeiten, verteidigt unseren Jahresplan, findet ihn gut und unterstuetzt unsere Arbeit. Er will noch ein paar zusaetzliche Motorraeder und ein Auto fuer den Bezirk rausschlagen, aber da kommt ihm zum Glueck der VIP aus dem Ministerium dazwischen und bestaetigt, dass das leider  nicht im Abkommen mit der Reigerung steht. Der gleiche Vorsteher spielt am Abend mit uns Badminton und ladet uns ein, doch oefter in seinem Buero vorbeizuschauen. Uff, Erleichterung an einer Front.

Dann wieder Anspannung – die technischen Angestellten, die mit uns taeglich im Feld arbeiten, werden gefragt, ob es stimmt, was wir da ueber die Aktivitaeten der letzten sechs Monate praesentiert haben. Schweigen. Sie sitzen ganz hinten in der letzten Reihe und versuchen unauffaellig zu schauen, keine Bewegung. Die Frau von der Union, die fast jeden Tag in unserem Buero ist, der junge Mann aus der Umweltsektion, der immer beim Badmintonspielen mit dabei ist; alle, die so oft, Trainings, Tagsaetze und Essenseinladungen bekommen – sie schweigen. Feiglinge! Schon wieder bin ich so wuetend, und muss laechlend in die Runde schauen. Wahrscheinlich haben sie auch Angst. Sie sind die kleinen Fische.

Dann der Projektmanager, der unseren Plan verteidigt gegen die vielen Anfragen nach mehr und mehr – wir haetten den Plan schliesslich mit den Maennern und Frauen aus dem Dorf gemeinsam gemacht und koennen ihn jetzt nicht einfach hier veraendern, ohne ihre Zustimmung. Ja, genau die richtige Antwort. Ich freu mich und bin auch ein bisschen stolz darauf, bottom up Argumente in dieses hierarchische System zu bringen. Wir haben im Dorf sogar abgestimmt, welche die besten Aktivitaeten sind. Waehlen in diesem authoritaeren Staat! Freu mich auch, dass ich nichts beantworten muss, sondern das Team selber alle richtigen Antworten bereit hat.


Die Sonne steht schon tief und wirft lange Schatten durch die staubigen, vergitterten Fenster der Halle. Ein Raum voller Gegensaetze – wir reden von „gender equality“ und die jungen Maedels aus dem Team bringen das Essen und registrieren hoeflich die TeilnehmerInnen, wir wollen soziale Gerechtigkeit und muessen uns in Hierarchien einordnen. Hierarchien die durch Marx und Lenin an der Wand legitmiert werden. Wie ein Spott liegt auf einem Sessel ein Aufkleber mit „defend food sovereignty! no land, no live“. Das geht also?! Was ist mit den Bananenplantagen und Staudaemmen, die ihren Bezitzern grosse Autos finanzieren? Alles nicht so klar schwarz und weiss, und schwierig die „Guten“ von den „Boesen“ zu unterscheiden. 



Wackelige Spielsteine auf einem aeusserst ungleichen Spielfeld. Jeder naechste Zug kann einen Eklat hervorrufen. Das Training zu Landrechten auf dem Jahresplan wurde unter Zeitdruck durchgewunken. Und dann kommt sie, ganz kurz vor dem Ende – die Frage nach dem Budget. Ein Einziger in einem Raum von sechzig, der mitrechnet und vergleicht. Zahlen in Frage stellt. Wieder der Gesundheitsmann in schwarz. Sein einziger falscher Schachzug: er ist zu spaet dran und vermischt sie mit anderen Fragen. Die anderen Fragen werden beantwortet, diese eine wird diplomatisch ignoriert und durch die elends lange Abschlussrede des Vorsitzenden abgewuergt. Am Abend mit freundschaftlichem Badminton-Match, viel Bier und Karaoke hinuntergespuelt. Arbeit und Freizeit sind in Lao streng getrennt, also wird nicht mehr nachgefragt. Geschafft und wieder sechs Monate Zeit gewonnen. Ich stimme erleichtert in den betrunkenen Karaokechor mit ein.

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