Mittlerweile
erkenn ich genau, wie sich das anfuehlt, wenn ich extrem angespannt bin. Wangenknochen
pressen zusammen und mein Kiefer schmerzt, Schultern ziehen sich nach oben und
mein ganzer Koerper steif, wie ein Raubtier am Sprung. Dieser Koerper,
gekleidet als halbwegs elegante Lao Dame, in dem neuem dunkelblauen Lao Rock
mit bunter Seidenborte und einem hellblauen schoenen Oberteil, sitzt ganz vorne,
am wichtigen Tisch, alle 62 TeilnehmerInnen anschauend, direkt neben dem „pathan“,
dem Vorsitzenden des Meetings. Er ist Direktor des „Aussenministeriums“ auf
Provinzebene. Dessen Auftrag: Kontrolle der INGOs.
Der duenne,
schwarz gekleidete Typ aus dem Gesundheitsministerium macht sich hektisch
Notizen, rutscht aufgeregt auf seinem Sessel herum, fluestert mit dem Nachbarn,
seine Haut glaenzt und er pickt kleine bunte Post-its auf den Jahresplan und
Bericht, den wir praesentieren. Ganz aufgeregt ist er, wenn er etwas findet,
wovon er denkt, dass es nicht den Regierungsvorgaben entspricht. Er zeigt auf
und will etwas sagen. Ich spuer einen Knoten Angst im Bauch. Und Wut. Am Abend
davor haben wir „nett“ mit ihm gegessen, er ist ein Freund unserer
Projektmanagerin, so alt wir wir, was will der eigentlich??!
Ein
Lichtblick – der Bezirksvorsteher von dem schwierigsten der vier Bezirke, in
denen wir arbeiten, verteidigt unseren Jahresplan, findet ihn gut und
unterstuetzt unsere Arbeit. Er will noch ein paar zusaetzliche Motorraeder und
ein Auto fuer den Bezirk rausschlagen, aber da kommt ihm zum Glueck der VIP aus
dem Ministerium dazwischen und bestaetigt, dass das leider nicht im Abkommen mit der Reigerung steht.
Der gleiche Vorsteher spielt am Abend mit uns Badminton und ladet uns ein, doch
oefter in seinem Buero vorbeizuschauen. Uff, Erleichterung an einer Front.
Dann der
Projektmanager, der unseren Plan verteidigt gegen die vielen Anfragen nach mehr
und mehr – wir haetten den Plan schliesslich mit den Maennern und Frauen aus
dem Dorf gemeinsam gemacht und koennen ihn jetzt nicht einfach hier veraendern,
ohne ihre Zustimmung. Ja, genau die richtige Antwort. Ich freu mich und bin
auch ein bisschen stolz darauf, bottom up Argumente in dieses hierarchische
System zu bringen. Wir haben im Dorf sogar abgestimmt, welche die besten
Aktivitaeten sind. Waehlen in diesem authoritaeren Staat! Freu mich auch, dass
ich nichts beantworten muss, sondern das Team selber alle richtigen Antworten bereit
hat.
Die Sonne
steht schon tief und wirft lange Schatten durch die staubigen, vergitterten
Fenster der Halle. Ein Raum voller Gegensaetze – wir reden von „gender equality“
und die jungen Maedels aus dem Team bringen das Essen und registrieren hoeflich
die TeilnehmerInnen, wir wollen soziale Gerechtigkeit und muessen uns in
Hierarchien einordnen. Hierarchien die durch Marx und Lenin an der Wand
legitmiert werden. Wie ein Spott liegt auf einem Sessel ein Aufkleber mit „defend
food sovereignty! no land, no live“. Das geht also?! Was ist mit den
Bananenplantagen und Staudaemmen, die ihren Bezitzern grosse Autos finanzieren?
Alles nicht so klar schwarz und weiss, und schwierig die „Guten“ von den „Boesen“
zu unterscheiden.
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