Samstag, 23. Januar 2016

Das grosse Bild

Das grosse Bild seh ich kritisch. Wir geben einer Regierung Geld, die das nicht verdient. Beamte, die Geld in eigene Taschen fuellen und grosse Autos fahren und Worte schwingen, dafuer Strassen, die ewig ungepflastert bleiben, Fluesse die aufgestaut werden und Doerfer fluten oder durch Goldwaescherei giftig werden.Leute sind betroffen, die nur Ja sagen koennen. Oder zumindest nicht laut Nein. Mangel an allen Ecken und Enden. Das macht mich so wuetend. Auch die kleinen Beamten, die nicht mitschneiden und alle paar Monate ihre zweihundert Euro verdienen, dafuer dann Geld und Kooperation von uns verlangen. Dazu nur freundlich nicken koennen und innerlich schreien und weinen.

Das grosse Bild nach innen schaut manchmal auch ein bisschen traurig aus. Menschen mit grossen Gehaelten, die in der Hauptstadt in Wohnungen mit europaeischem Standard wohnen und in Starbucks-artigen Cafes ihr Fremdsein kultivieren (oder Heimweh stillen). Grosse Theorien auf viel Papier. Wichtige Gespraeche, die weit weg von Betroffenen stattfinden. Hohe Ansprueche, die mit Ungeduld vorgetragen oder aufgedrueckt werden. Ungeduld gegenueber Langsamkeit. Abgehobenheit und Verallgemeinerungen. Entfernung und disconnection (ich such das richtige Wort, es ist nicht Entbindung).

Advocacy, civil society capacity building, human rights – all das, was ich theoretisch unterschreibe, scheint mir gerade echt weit weg. Nicht moeglich in diesem Kontext? Gefaehrlich. Abgehoben, vielleicht nicht gewollt. Dafuer gewinne ich neue Einsichten aus dieser Position „nah dran“. NGOs kommen und gehen (die Regierung bleibt, das ist ihr grosser Pluspunkt). Man muss die Angebote nutzen, die sie bieten, wer weiss welches Projekt in ein paar Jahren da ist oder ob ihre Ziele sich dann geaendert haben werden. Also, jetzt nachfragen, so viel man bekommen kann. Wassersysteme, Ziegen, Huehner, ... Es ist Taktik – umso „aermer“ man ist, umso mehr gibt es zu holen. (Daher nie Daten wie Einkommen, Groesse der Felder, Ernte usw. glauben. Entweder NGOs geben mehr oder die Regierung nimmt weniger.)

Ich bin gegen die Rolle von NGOs von Verteilung von Dingen. Es komplett klar, dass das nur die Regierung entlastet, die sowas bringen sollte. Trotzdem – in Echt ist es komplexer. Ich versteh die Nachfrage. Steh mit meiner Zahnbuerste in der Hand unter dem Sternenhimmel beim einzigen Wasserhahn im Ort, vor dem so ein langer Stau ist, dass die Frauen auch im Finstern Waesche waschen. Gaebe es den nicht, muessten sie jeden Tag zu Fuss den ganzen Berg hinunter und mit den schweren Kanistern wieder hinaufgehen. Es macht einen echten Unterschied, jeden Tag. Trotzdem glaub ich, dass wir andere wichtigere Veraenderungen bringen koennen. Wenn auch nur winzig kleine.

Zum Beispiel, nur Frauen in die Spargruppe einzuladen.  Das erste Mal, dass Frauen „alleine“ ein Meeting haben und jemand nur fuer sie kommt (also fast – der Buergermeister und ein misstrauischer Ehemann sitzen in der Ecke und schauen zu). Vertrauen, dass sie rechnen und Einnahmen und Ausgaben verwalten koennen, auch wenn die meisten nie Lesen und Schreiben gelernt haben. Es hat schon einmal eine Spargruppe in Mokchala gegeben, da waren nur die Maenner Mitglieder. Die Regierung hat einen Teil genommen und der andere Teil ist auch irgendwohin verschwunden. Die Frauen waren bei keinem einzigen Treffen dabei. Warum sie lieber in einer Gruppe sparen wollen? Weil sonst das Geld sofort von den Kindern fuer Suessigkeiten verwendet wird oder von den Maennern. Sie sitzen bis spaet in der Nacht und diskutieren die Regeln und freuen sich schon aufs naechste Treffen. Ihre Begeisterung ist echt ansteckend!

Ich bewundere die Art, wie meine KollegInnen mit den Leuten in Kontakt sind. Ein Kollege, der mich manchmal so ungeduldig werden lasst mit seiner stillen Art, beeindruckt mich, wie er versteht, wo die Leute abzuholen sind, was ankommt und was nicht, was moeglich ist. Und mit so grosser Ernsthaftigkeit und Respekt dabei ist und Zeit widmet. Und dann ist manchmal doch ein bisschen mehr moeglich. Nur Frauen einladen? Unmoeglich! Die Ehemaenner wollen dabei sein und kontrollieren. Dann geht es doch. Yeah.

Ich fahr in der Abenddaemmerung am Motorrad ueber die Berge zurueck nach Khua und geniesse jede Kurve, jeden Augenblick sauge ich die schoene Landschaft ein. Wenn ich den Helm offen hab pfeift der Wind um meine Ohren als waer ich auf einem Snowboard.



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